Wie doof muss ich sein, dass ich das Derby boykottiere?

Altobelli, was ein Wochenende. Leck mich fett was ein Derbysonntag. Zugeben, auf Grund von „Kein Zwanni“ wollte bei mir lange keine Derbystimmung auf kommen und das Spiel im TV statt im Stadion zusehen, war eine Qual. Und trotz des Sieges war meine Laune erstmal nicht so, wie sie z. B. 2005 oder 2007 war. Aber das änderte sich am späten Abend, als die Mannschaft aus Gelsenkirchen wieder in Dortmund ankam. Das was danach passierte war so mit das geilsten, was ich je erlebt habe als Fan. Und das wäre nicht passiert, wenn ich mich nicht dem Boykott angeschlossen hätte.

Normalerweise fängt es bei mir 1-2 Tage vorher an, dass ich in Tagträumereien von glorreichen Derbysiegen phantasiere und es stellt sich die Mischung aus freudiger Erwartung und Angst vor einer neuerlichen Niederlage ein. Und in meinen kühnsten Träumen malte ich mir aus, wie wir im Gästeblock wohl abgehen würden, wenn die Blauen mal so richtig zerlegt werden. Zugegeben, in den letzten Jahren wurde im Derby immer fleißig zerlegt, aber meist die falsche Mannschaft. Diesmal waren die Chancen jedoch nicht so schlecht, dass Derby mal wieder zu gewinnen und was mache ich? Ich gehe nicht hin, weil ich 22 Euro für eine Stehplatzkarte für überteuert halte. Nein, so wirklich wollte sich die Stimmung nicht aufbauen.

Auch am Derbysonntag tat sich eigentlich nichts in der Richtung. Statt in Gelsenkirchen das Derby anzuschauen, schloss ich mich der Masse an und schaute die Partie von Dortmunds Amateuren gegen Eintracht Trier. Ein wirklich mieser Kick, der mit 2-0 an die Eintracht ging. Die kleine Fanschar aus Trier zeigte ein nettes Spruchband  („Derbytime erstickt im Keim – Lasst die Preistreiberei sein“) welches mit großem Applaus der ca. 2000 Borussen quittiert wurde. Mein persönliches Highlight war aber der Vorsänger der Trierer. Dieser tanzte fleißig vor „seinen“ Jungs herum und erinnerte irgendwie an diesen „Wicked“-Typen von DSDS.

Während das Spiel so vor sich hin plättscherte machte ich mir Gedanken, wo ich das Spiel der Profis später gucken sollte. Zusammen mit den Jungs von TU & Co. zu schauen war mein erster Gedanke, der sich aber auf Grund der kleinen Lokalität und der zu erwartenden Menge der „Mitläufer“, die sich nach dem Spiel den Ultras anschließen würden, entschied ich mich zunächst mal im Strobels vorbeizuschauen. Sollte es hier zu voll sein, wäre ich wohl nach Hause gefahren, auch wenn ich das eigentlich absolut nicht wollte. Derby zu Hause zu schauen ist so mit das beschissenste, was ich mir vorstellen kann. Wenn schon nicht im Stadion, dann wenigstens in Dortmund. Glücklicherweise war im Strobels noch was zu machen und somit wurde das Spiel dort mit den bekannten Gesichtern aus Seppenrade geschaut. Da aber noch reichlich Zeit war, wurde die Zeit mehr oder weniger verquatscht, wobei ein Auge immer auf dem Bildschirm blieb, wie das Hamburger Derby lief. Je näher „unser“ Derby dann kam, umso mehr stellte ich mir die Frage, warum ich mir das alles antue.  Statt jetzt im Gästeblock zu stehen und mir die Turnhalle mit diesen gewöhnungsbedürftigen Farben anzuschauen, glotze ich auch einen Bildschirm, der nicht mal ein HD Bild hatte. Und statt erster Gesangduelle auf den Rängen mit der Nordkurve ist meine einzige Sorge die Qualität des Bildes. Aber dank Sonnenschutzmarkise ging es. Aber wenigstens stellte sich so ein bisschen Nervosität ein, als  es dann endlich los ging. Und dann wurde es wirklich schmerzhaft.

In den meisten Fällen laufen Derbys immer gleich ab: Ich hoffe immer, dass der BVB das Spiel mal gewinnt, merke aber bereits zu Beginn, dass „die“ wieder stärker sind. Und wenn sie es nicht sind, dann haben sie einen, der per Sonntagsschuss das Tor macht. Wenn man dann Glück hat, gleicht man aus, zu einem Sieg reicht es meist nicht. Ich bin generell ja schon froh, wenn das Derby remis endet.

Unsere glorreiche Mannschaft spielte den emotionslosen Vizemeister in Grund und Boden und zerlegte sie wie einst die Nationalelf die Mannen von Maradona bei der WM 2010 und ich muss all das im Strobels vor einem Bildschirm erleben statt live im Stadion. Und das freiwillig. Keine Chance, die Nordkurve in Grund und Boden zu singen. Keine Chance, die bedröppelten Gesichter der Blauen zusehen und die grenzenlose Enttäuschung zu spüren. Und immer wieder stellte ich mir innerlich die Frage: „Wie doof muss ich sein, dass ich das Derby boykottiere?“

Natürlich habe ich mich über die Tore gefreut, speziell der erste Treffer war wie eine Erlösung. Auch war ich nervös wie immer, dass die Fehlfarben irgendwie, wie so oft, durch eine Standartsituation oder einem Sonntagsschuss die Pille über die Linie bringen. Aber nachdem Abpfiff wollte sich nicht wirklich diese geile Gefühl einstellen, was Marc in seinem Blog wie folgt beschrieb: Gestatten, Derbysieger. Derbysieger sein ist – ich erkläre es hier offiziell im Namen der Vereinten Nationen und für alle Zeiten – das schönste Gefühl, dass ein Mensch erleben kann. Mir tun alle nicht Fußball-Fans leid, die diese Gefühl nicht kennen. Und mir tun alle leid, die nicht regelmäßig diese Mutter aller Derbys erleben können. Es wollte sich einfach nicht einstellen. Statt im Block zu feiern sitze ich da und schau mir an, wie jemand ne Humba macht. Ein Alptraum. Wenn er es wenigstens gekonnt hätte…..

Nachdem Spiel wollten wir dann zumindest die Mannschaft noch empfangen. Also fuhren wir erstmal nach Brackel zum Trainingsgelände(Fehlinformationen sind toll), um dann eilig wieder ans Stadion zu fahren. Wenn ich gewusst hätte, dass die Mannschaft sich noch Zeit lässt, wäre ich vielleicht nicht so genervt gewesen beim Autofahren. Wenn ich genervt bin führt das meist dazu, dass ich mich verfahre und mir prinzipiell alle Mitfahrer auf den Sack gehen, vor allem wenn sie auch noch dämliche Kommentare oder Fragen stellen. Aber gut, wir haben es noch rechtzeitig geschafft.

Am Rabenloh selber waren ungefähr 500-600 Leute versammelt, die ebenfalls das Spiel boykottierten. Es waren somit Leidensgenossen. Das machte die ganze Sache zumindest ertragbar. Aber dieses spezielle Gefühl eines Derbysieges, dieses Dauergrinsen, wollte sich trotzdem nicht einstellen. Bis die Mannschaft dann ankam.

© Stefan Reinke

Bengalische Feuer erhellten die Straße und immer wieder ertönte ein Loblied auf den Derbyhelden, Shinji Kagawa, während sich der Bus im Schritttempo rückwärts durch die Masse quälte. Neven Subotic filmte das ganze dann aus dem Mannschaftsbus heraus und stellte natürlich die wichtigste aller Fragen: „Gibt’s hier auch Frauen?“. Wie ebenfalls auf dem Video zu hören, steuerte der Busfahrer sein neues Gefährt so genau in Richtung parkender Autos, dass es danach nicht weiter ging. Vielleicht nicht für alle Spieler eine tolle Sache, aber für uns Fans folgte dann das Highlight: Die Mannschaft musste den Bus verlassen und die letzten Meter bis zu Ihren Autos bzw. Nobelkarossen zu Fuß durch die Menge. Alle außer Shinji Kagawa – der wurde auf Schultern getragen und machte es lächelnd mit (können Japaner eigentlich überhaupt unfreundlich sein?).

Ich hatte zuvor darauf spekuliert, dass die Mannschaft mit dem Bus zum Trainingsgelände gebracht werden würde und hatte mich etwas weiter hinten positioniert. Da dies aber nicht geschah ging ich dem Bus entgegen und hatte somit die Ehre, mich persönlich bei Jürgen Klopp (wieder mit diesen markanten Grinsen) und Peter Krawietz zu bedanken. Letztere nahm es mit einem „Kein Problem“ zur Kenntnis 😉 Danach liefen mir dann Mats Hummels und ein ziemlich gut gelaunter Nuri Sahin vor die Nase. Auch bei Ihnen bedankte ich mich per Handschlag und Nuri Sahin wiederum bedankte sich für „den geilen Empfang“.  Ein ziemlich grandioser Moment.

Es ist schon irgendwie schon cool, wenn man den Leuten, die praktisch jedes Wochenende aufs Neue die Verantwortung dafür tragen, ob dein Wochenende super oder scheiße wird, persönlich danken kann für den wichtigsten Sieg der Saison bzw. generell für den sehr guten Saisonstart. Für mich persönlich war das eine mehr als akzeptable „Entschädigung“ für die Leiden während des Spiels vor dem TV. Denn die Mannschaft vor dem Gästeblock feiern zu sehen und selber vor dem TV zu sitzen ist einfach beschissen. Und bei einem Derbysieg fast unerträglich.

Während einige Spieler mit den Fans am Parkplatz feierten (Kevin Großkreutz mimte dabei wieder den Capo), blieb ich auf der Straße stehen und schaut mir an, wer da so mit welchem Automobil davon brauste. Neven Subotic mag es auf jeden Fall eher bescheiden, während Felipe Santana eine richtig protzige Karre fuhr. Kevin Großkreutz spielte Taxi und nahm einige Fans in seinem Cabrio mit, während die meisten entweder das Spektakel filmend oder einfach nur grinsend durch das Spalier fuhren.

Und als alle Spieler weg waren und sich die Meute in alle Himmelsrichtungen verteilte war es dann doch da, dieses geile Gefühl des Derbysieges. Dieses Gefühl, dass man in Diskussion mit den Blauen (im Münsterland hat man die zwangsläufig) immer das einzig entscheidende Argument auf seiner Seite hat: Das Derby haben WIR gewonnen. Erstaunlicherweise ist mir nicht einmal danach, diverse bekannte Fans der seelenlosen Truppe mit Häme oder Mitleid zu überschütten oder sonst irgendwelche Frotzeleien zu starten. Mir reicht das Wissen, dass es im Derby nichts Schmerzhafteres gibt, als vom Gegner vorgeführt zu werden. Als Borusse erlebte man das ja schon öfter (viel zu oft), diesmal erwischte es mal die Richtigen. Von Platz 2 der Vorsaison ans Ende der Tabelle zu wandern ist sicherlich schmerzhaft, aber im Derby zu Hause so vorgeführt zu werden, dass können nicht mal irgendwelche hämischen Kommentare toppen.

2 Antworten auf „Wie doof muss ich sein, dass ich das Derby boykottiere?“

  1. [..] mir prinzipiell alle Mitfahrer auf den Sack gehen, vor allem wenn sie auch noch dämliche Kommentare oder Fragen stellen. […]

    Quatsch. Dir ist niemand auf den Sack gegangen. Du hast dich nur in dein Verlangen nach einem Burger oder zumindest einem Schokoriegel reingesteigert. Was mich btw. an Folgenden Werbespot erinnert.

    Derbysieger!

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