„Was mir hier fehlt, ist die Stimmung. Das Gefühl, Teil des Ganzen zu sein, Teil des Spektakels.“

In den vergangenen Tagen und Wochen bin ich beruflich mal wieder etwas unterwegs gewesen, allerdings nicht wie sonst auf dem Balkan und in der ehemaligen Sowjetunion, sondern diesmal in Westeuropa, in Barcelona und Amsterdam. Dabei hatte ich das Glück, dass zu der Zeit, in der ich in Spanien und Holland weilte, jeweils ein Heimspiel der „local heroes“ stattfand. Der FC Barcelona spielte gegen Real Saragossa und AJAX Amsterdam gegen unsere Borussia.

Mit den Tickets ging das mal so, mal so. Während ich für das 98.000 Zuschauer fassende Camp Nou Stadion problemlos Tickets per Internet ordern konnte, musste ich für das AJAX-Spiel persönliche Kanäle anzapfen, um durch einen holländischen Freund über einen weiteren Bekannten mit AJAX card ein Ticket zu bekommen. Preis in Barcelona: 35
Euro. Preis in Amsterdam: 67 Euro. In Barcelona sass ich ganz weit oben, zwischen Touristen. Um mich herum wurde Deutsch, Russisch, Türkisch und Japanisch gesprochen. Das Camp Nou ist ein Ausflugsort für Touristen, Fußball-Stimmung kaum vorhanden. Man geht hin, um den Floh, den kleinen Magier spielen zu sehen. Was unten auf dem Platz läuft, ist natürlich ganz große Kunst. Fussball in Perfektion, ein Genuß fürs Auge. Aber Stimmung? Keine Auswärtsfans, keine Sprechchöre, keine Pyros, keine Choreo, nichts. Genauso verhält es sich mit den Einlasskontrollen. Die finden nämlich nicht statt. Die Karte wird einmal kurz abgerissen beim ersten Einlaß und dann später am Drehkreuz eingescannt, fertig. Nach dem ganzen Tag in Barcelona wußte ich nicht, ob ich meinen Rucksack mit ins Stadion nehmen kann. Meiner Frau sagte ich noch: „Nein, also ’ne Wasserflasche kriegst du da nicht mit rein. In Dortmund haben sie letzte Woche unserer Tochter sogar die Wasserflasche abgenommen, ist schlimmer als auf dem Flughafen!“ Umso überraschter war ich, als dann keinerlei Kontrollen durchgeführt wurden. Die Plätze ganz oben für 35 Euro sind schon teuer für einen „Normalo“, zumal es direkt 140 Euro sind, wenn man mit vier Leuten hingeht. Sicher, was unten geboten wird, ist es wert, aber wenn ich 19 Mal pro Saison plus Pokal plus Champions League soviel Geld bezahlen soll für das Vergnügen, den 1 Meter 70 kleinen Messi und seine nur unwesentlich größeren Kollegen Xavi und Iniesta aus gefühlten 200 Metern beschauen zu dürfen, während sich der Rest der Familie das (salzige) Popcorn reinschaufelt, dann komme ich doch ins Grübeln. Was mir hier fehlt, ist die Stimmung. Das Gefühl, Teil des Ganzen zu sein, Teil des Spektakels.

Kurze Zeit später und nach ein paar Tagen zuhause geht es weiter nach Amsterdam. Wir kommen ins Stadion, eine Stunde vor dem Spiel. Mein erstes Mal in der Amsterdam Arena und mein zweites Spiel in Holland (Spiel #1 war der letzte Auftritt von Jürgen Kohler beim UEFA-Cup-Finale in Rotterdam). Sofort der erste Schock. Mist, das Dach ist zu. Hallenfussball. Der erste Blick ins weite Rund, der zweite Schock: Mist, nur Sitze. Ich sofort zu dem holländischen Kollegen: „Indoor football? Seats only? Ok, see you later, I’m off!“ Aber dann denke ich mir, dass ich für 70 Euro jetzt nicht direkt wieder abhaue, sondern einfach mal dem kalten Wind trotze und hoffe, dass die Schwarzgelben es mir mit einer Gala-Vorstellung danken. Kurz vor dem Spiel bin ich wieder drauf und dran, zu gehen. Die holländische Karnevalsmusik und das total dämliche, vom Verein gesteuerte Plastikfahnengeschwenke ist ja fast wie beim Eishockey in den USA (CLAP! CLAP! CLAP!). Ok, die AJAX-Fans machen dann aber auch ganz gut Krach, die Borussen sowieso. Beides wirkt spontan, nicht einstudiert und ich habe anders als in Barcelona das Gefühl, dass hier doch echte Emotionen in der sonst so sterilen Arena-Umgebung mit der Shopping Mall und dem Kino und der Mehrzweckhalle hier und nebenan (Heineken Music Hall) überlebt haben. Ach ja, übrigens: Beim Einlass wurde ich freundlich gebeten, meine BVB-Wollmütze abzusetzen. Ich war in Block 419, weil ich ja die Karten über den AJAX-Kollegen bekommen habe, zwei Blöcke neben den Käfigborussen, die in ihrem abgezäunten Bereich hinter dem Fangnetz ihre leuchtenden Farben natürlich tragen durften. Aber gut, der Ton war freundlich, man muss ja nicht provozieren. Ich habe mich aber doch viermal laut und offensichtlich gefreut und ich lebe noch. AJAX-Fans sind auch nur Menschen und wissen, dass man sich bei Toren auch schon mal freuen kann. Es herrschte eine Atmosphäre von Respekt für die Leistung der Mannschaft und für die Fans, die diese Mannschaft hierhin begleitet haben. Ob ich mich sicher gefühlt habe? Ja, zu jeder Zeit. Ob ich Spaß gehabt habe? Ja, bei einem 4:1-Auswärtssieg in der Champions League kann man nur Spaß haben.

Jetzt aber wieder nach Hause. Dortmund, Westfalenstadion. Ein Einlasskontrollen werden immer strenger, die Kritik an den Fans immer lauter. Das neue Stadionkonzept wird diskutiert, der 12:12-Protest steht im Raum und unser Geschäftsführer spricht sich für Richtersprüche im Stadion aus. Wenn ich heute abend wie immer seit 25 Jahren im Block 12 stehe und denke „Home is where the heart is!“, dann weiß ich, wieso ich mich hier so wohlfühle. Ich fühle mich wohl, weil das Preis-Leistungs-Verhältnis einfach unglaublich gut ist. Die Stehplatzdauerkarte für 225 Euro für 20 Spiele ist unschlagbar günstig im internationalen Vergleich. Nur durch die Beibehaltung dieser niedrigen Preise ist es möglich, dass sich die Fankultur so entwickelt hat, wie sie sich entwickelt hat. Nur deshalb stehe ich seit Jahrzehnten neben ewigen Studenten, Facharbeitern, Arbeitslosen und Leuten, die ich kenne, seit sie 1 Meter 40 groß waren. Man wächst in die Rolle des Fans hinein. Man ist nicht Fan, man wird es. Und es sind hier nicht nur die, die es sich leisten können, sondern die, die es verdient haben, hier zu sein. Wenn ich mich auch manchmal darüber aufrege, dass es so schwierig ist, für ein Auswärtsspiel ein Ticket zu bekommen, dann hat das doch seine Gründe. Ich bin nicht in einem Fanclub organisiert, stehe daher logischerwiese hinten an. Und das ist gut so. Denn die Leute, die jedes Wochenende die Fahrten nach Hamburg, München, Sinsheim und Augsburg organisieren, sind diejenigen, die die Fankultur am meisten am Leben erhalten. Zusammen mit mir und dem Rest der 80.000 Menschen, die heute abend gegen die Fortuna aus Düsseldorf wieder im Westfalenstadion sind, trotz der Politiker und Funktionäre, die mit dem unsinnigen Sicherheitskonzept den Spaß am Erlebnis Fußball verbieten wollen.

Ob ich den 12:12-Protest unterstütze? Natürlich! Ausserdem bleiben dann ja immer noch knapp 78 Minuten, um den BVB wie besessen anzufeuern und zum Sieg zu schreien. Und am Ende ist es wieder da das Gefühl, Teil des Ganzen zu sein. Solange das so ist, habe ich eine Dauerkarte und bin immer mittendrin statt nur dabei. Wenn es den Herren von DFB und DFL irgendwann dann doch mal gelingen sollte, die Stehplätze zu verbieten, die Preise zu erhöhen, die Emotionen einzuzäunen, die Fans vom Geschehen auf dem Rasen komplett zu trennen und das Erlebnis Fußball so steril zu machen, dass man sich fremd vorkommt im Stadion und nicht mehr Teil des Ganzen ist, dann kann ich ja wieder mal für ein Wochenende nach Barcelona fahren. Die haben nämlich nicht nur Messi, sondern auch noch Strand, Sightseeing und Tapas – alles für Touristen eben.

Chris Schüpp, Bochum

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4 Antworten auf „„Was mir hier fehlt, ist die Stimmung. Das Gefühl, Teil des Ganzen zu sein, Teil des Spektakels.““

  1. Die Karten bei Barca sind so günstig? 35 Euro finde ich schon nicht mehr viel. Gerade weil die Nachfrage eigentlich viel zu groß ist.

    Bei Barca kann glaube ich nicht mehr jedes Spiel eine Stimmung wie in Dortmund sein.
    Warte mal ab, wenn ihr erstmal weiter alles gewinnt und verwöhnt seid, dann wird sich auch etwas ändern. Es werden weniger Touristen sein, aber die Erwartungshaltung wird anders werden.

    1. Wie gesagt, 35 Euro, ganz oben, ganz weit weg. Ist noch ok im Vergleich zu England und angesichts der Tatsache, was man so geboten bekommt. Aber bei 4 Personen relativiert sich das „günstig“ dann auch schon wieder. Davon mal ab: Die Stimmung ist nicht vergleichbar, absolut nicht vergleichbar. Und die Stimmung ist in Dortmund auch gegen Hoffenheim oder im Pokal gegen einen Drittligisten besser. Selbst wenn die Stimmung mies ist, ist sie besser als in Barcelona, ganz einfach, weil sie *da* ist, weil es sie gibt. 

      1.  Ich verstehe schon, was du meinst.
        Aber was man nicht vergessen darf ist, daß Barca schon seit wie vielen Jahren immer Erfolg hat. Ich glaube, daß das abstumpft. Und wenn die Touris einfallen, was wir in D so nur in München haben, dann wirkt sich das zwangsläufig auf die Stimmung aus.

        ich will nur sagen, daß wir auch in Deutschland solch eine Entwicklung haben können, wenn ein Verein eben zur Attraktion (weil erfolgreich über Jahrzehnte) wird.

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