Warum ich das Derby boykottiere

Wie gestern schon berichtet, rufen neben der Ultragruppierung „The Unity“ und dem Fanzine „schwatzgelb.de“ noch über 190 weitere Fanklubs (Liste) zum Boykott des Derbys auf. Da ich über einen eventuellen Boykott schon etwas länger informiert war, traf mich die Entscheidung nicht überraschend. Am Anfang war ich von der Idee absolut nicht überzeugt, da ich den Erfolg einer solchen Aktion mit einem deutlich „entleerten“ Gästeblock gleich gesetzt habe. Aber mittlerweile sehe ich die Ziele an ganz anderen Stellen.

Zunächst einmal möchte ich klar stellen, dass ich jeden Fan verstehen kann, der sich nicht anschließt und zum Derby reisen wird. Ich müsste auch lügen wenn ich sagen würde, dass es mir leicht fällt, nach über 3 Jahren wieder ein Bundesligaspiel zu verpassen – und dies aus freien Stücken. Und gerade beim Derby fällt es mir noch schwerer. Wer wäre nicht gerne vor Ort, wenn Christoph „Meister der Herzenbrecher“ Metzelder dem Ballspielverein Borussia 1909 e.V. Dortmund zum langersehnten Derbysieg verhilft? Zumal gerade in der aktuellen Situation der Blauen ein Derbysieg nicht utopisch wäre wie in den letzten Jahren. Aber manchmal muss man ein Zeichen setzen.

Dachte ich zunächst, dass die Aktion nur dann als Erfolg zu werten ist, wenn der Gästeblock sichtbare Lücken aufweist, so sehe ich die Ziele mittlerweile völlig anders. Natürlich wäre es völlig utopisch zu glauben, dass die nicht genutzten Karten am Ende nicht an andere Borussen verkauft werden würden, die vielleicht seit Jahren darauf warten, einmal in der Turnhalle wie Vieh behandelt zu werden und dem Derby beizuwohnen. Es gibt natürlich auch Leute, die den Protest nutzen, um gegen TU zu pöbeln und das man das Derby nicht boykottieren wird, weil man nicht zu denen gehören will, die auch „von der Brücke springen, wenn die TU“ das sagt. Zeigt aber auch schlicht, dass sie sich nicht wirklich mit dem Sinn des Protest auseinander gesetzt haben. Natürlich kann man auch anführen, dass man die Mannschaft bei einem Derby nicht im Stich zu lassen hat. Wobei in den vergangenen Derbys fühlte ich mich eher von ihr im Stich gelassen. Aber zurück zum Thema.

Dadurch, dass man sich ausgerechnet das Derby ausgesucht hat, um ein Zeichen zu setzen, hat man etwas erreicht, was man bei einem Boykott irgendeines anderen Spiels nicht erreicht hätte: Aufmerksamkeit. Die dpa-Meldung verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der deutschen Presselandschaft, egal ob bei(m) Focus, RTL, Eurosport, Express, der T.Z., der Financial Times oder etwas ausführlicher in den Ruhrnachrichten und bei der WAZ. Auch in der Lokalzeit beim WDR wurde das Team kurz angerissen.

httpv://www.youtube.com/watch?v=Ebna6aaEusU

Auch in diversen Fanforen wird über den Protest mehr oder weniger konstruktiv gesprochen, egal ob in Dortmund, Bremen, Berlin, Leverkusen, Hannover, Mönchengladbach, Mainz (die ebenfalls die tollen Preise in Ge zahlen dürfen) oder Kaiserslautern. Gerade bei den „Roten Teufeln“ gefällt mir der Diskussionsverlauf, das man hier wirklich begriffen zu haben scheint, dass es alle betrifft, egal für welchen Verein man sicher begeistert. Stellvertretend zitiere ich hier mal den User „Peter Gedöns“ aus dem FCK-Forum:

Ein ganz wichtiger Punkt für mich ist auch die Selbstachtung der Fans. Wer diese Preise nicht mitmacht, wahrt die Achtung vor sich selbst und gewinnt zugleich unglaublich an Charakter. Gerade ein Spiel wie das Ruhrpottduell ist für die Fans beider Lager das Sahnestück der Saison. Und das dann aus freien Stücken zu verpassen, weil man das mit sich selbst nicht vereinbaren kann, davor habe ich tiefen Respekt. Und wenn auf der Gästetribüne plötzlich der Stimmungskern fehlt (denn das sind jene, die boykottieren) und im Optimalfall auch Schalke schweigt, dann entsteht eine Kulisse, die man mit 100.000 Kunden nicht ersetzen könnte. Natürlich werden die üblichen Medien wie BILD oder das Fernsehen das eher ignorieren oder durch den Dreck ziehen. Aber in der DFL wird Panik ausbrechen, wenn das Premiumprodukt plötzlich zum Mannschaftstennis verkommt. Denn eingespielte Fangesänge und emotionsleere Kurven sind auf Dauer auch keine Lösung.

Zu Recht merken viele User an, dass der BVB ja auch nicht gerade die Tickets zu Discounterpreisen an die Gästefans verkauft. Die Blauen beispielsweise zahlten 18,50€ im vergangenen Jahr für einen Stehplatz in der Nordtribüne. Dies ist meiner Meinung nach genauso zu kritisieren wie die Preise in Hamburg oder eben in Ge, auch wenn kein Verein in Deutschland den Gästen so viele Stehplätze bietet wie die Borussia (2905 um genau zu sein). Die Hamburger verlangen bereits seit Jahren satte Preise und man hat es leider verpasst, hier bereits in der Vergangenheit ein Zeichen zusetzen. Aber irgendwann muss man anfangen. Und da ist das Derby einfach das Spiel mit der man als Dortmunder die größte Aufmerksamkeit in Deutschland erreichen kann.

Wichtig ist natürlich für die Zukunft, dass auch andere Fanszenen sich der Aktion anschließen. Natürlich wird es gerade bei den Derbys und generell bei Gastspielen der Borussia aus Dortmund, dem Fc Bayern, dem HSV oder eben unseren „Freunden“ aus der Emschermulde genügend Leute geben,  die bereit sind, 50-60 Euro für ein Spiel zu bezahlen. Gerüchten zu Folge soll der FC St. Pauli beispielsweise knapp 100 Euro für einen Gästesitzplatz beim Stadtduell gegen den HSV verlangt haben. Ausverkauft wird es wohl dennoch sein. Vor Jahren waren es die Hanseaten selbst, die ihren Fans Karten für 97 Euro anboten zum Spiel gegen den SV Werder Bremen. Sitzplätze wohl gemerkt, keine VIP-Plätze. Man sieht also, wo der Weg in den nächsten Jahren hinführen wird, wenn nicht langsam was dagegen unternommen wird. Am Ende haben wir dann englische Verhältnisse mit Dauerkartenpreisen ab 1000,- €.

Die Antwort auf die Frage, warum ich mich am Boykott beteilige ist jedoch noch vielschichtiger. Für mich ist es kein Problem, 20 Euro für einen Steher zu bezahlen. Ich zahle ja auch schon knapp 500€ für meine Sitzplatzdauerkarte. Zudem leiste ich mir eine Auswärtsdauerkarte, die auch nicht verschenkt wird. Entscheidend ist für mich aber, dass sich viele andere Fans die Karten nicht leisten können (oder wollen), vor allem wenn man dazu auch noch die Anreise zum jeweiligen Spielort finanzieren muss. Die Konsequenzen aus überteuerten Karten bei attraktiven Spielen in Hamburg und dem Derby sind dann eben, dass man z.B. auf das Derby verzichtet oder 3-4 andere Spiele sausen lässt. Und das fänd ich mehr als schade. Denn gerade die jungen Leute sind wichtig für den Support. Außerdem bockt es nicht, wenn der Gästeblock nur halb voll ist. Auch dürften Fans mit niedrigem finanziellem Spielraum in Zukunft von den Besuchen von Fußballspielen ausgeschlossen werden. Die damit stattfindende Selektion der Besucher vom „Pöbel“ hin zum „Kunden mit vollem Portmonee“ kann nicht im Sinne der vielen jungen Stadionbesucher sein. Als Beispiel dient auch hier wieder das glorifizierte England. Dort ist nicht nur die Stimmung für die Tonne (auch wenn die TV-Anstalten das gerne anders sehen), darüber hinaus gibt es dort kaum noch Fannachwuchs. Das merken die Vereine nicht jetzt oder in 5 Jahren, aber in 15-20 Jahren werden sie merken, dass sie eine ganze Generation vergrault haben mit ihrer Preispolitik. Da helfen dann auch keine Scheichs und Superstars mehr. Wenn die Bundesligavereine jetzt mit ihrer Preispolitik den Fannachwuchs ausschließen,  verlieren sie die Eltern der Fans von übermorgen. Und somit die Stadionbesucher, die nicht nur die Karte kaufen, sondern auch ein Trikot, Schal, eine Bratwurst und Getränke. Und gerade jetzt, wo die finanzielle Lage beim PAY-TV Sender Sky mehr als prikär ist, sollten die Klubs nicht auch noch dafür sorgen, dass die Stadien nur noch gutbetuchten Publikum besucht werden können.

Aus diesem Grunde werde ich mich dem Boykott anschließen. Denn wie sagte Daniel passend:

„Der Fußball verbindet alle Schichten. Das macht man mit solchen Preisen kaputt“

PS: Natürlich haben sich die Offiziellen vom FC Magath Sch*lke in Persona von Sprecher Rolf Dittrich zum Protest geäußert mit den Worten: „Wir haben die Preise nur moderat angehoben. Außerdem sind wir Vizemeister und lagen bislang im unteren Drittel bei den Preisen“. Letzteres mag stimmen, die Definition von moderat ist bei mir aber scheinbar eine andere als bei Herrn Dittrich.

Stehplatz beim Derby 14,50 EUR – jetzt 22,00 EUR = 51,72%
Sitzplatz beim Derby 35,00 EUR – jetzt 55,00 EUR = 57,14%

Ich bin mir zudem sicher, dass sich die Fans der Blauen nicht am Protest beteiligen werden bei diesem Spiel, da die meisten wohl eine Dauerkarte haben dürften, somit ihre Karte schon bezahlt ist. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass bei den Champions League Heimspielen die „moderaten Preise“ zwischen 40 und 70 Euro etliche Fans dazu bewegt, sich das Spiel nicht im Stadion anzuschauen. Für Schüler dürfte sich die Frage eh nicht stellen….

[UPDATE, 2010-09-04 21:55:42] Mittlerweile wird auch im Ausland über den Boykott berichtet, u.a. in Schweden und Dänemark.

5 Antworten auf „Warum ich das Derby boykottiere“

  1. „Gerüchten zu Folge soll der FC St. Pauli beispielsweise knapp 100 Euro für einen Gästesitzplatz beim Stadtduell gegen den HSV verlangt haben. Ausverkauft wird es wohl dennoch sein.“

    Tatsachen zu Folge gab es einen Vorverkauf nur für Mitglieder, mit der Möglichkeit, jeweils eine Karte für die Spiele gegen Hoffenheim, HSV und Dortmund zu erwerben, wofür die Mitglieder bis zu 6 Stunden anstanden. Aber zu den normalen Preisen (Stehplätze 12-14 Euro, Sitzplätze 25-35 Euro). Dass in der Folge Karten bei ebay zu absolut astronomischen Preisen angeboten wurdem, ist wieder ein anderes und ebenso großes Problem.

      1. Ich weiß nur, dass die Stehplätze zu EUR 13,20 im Online.Shop des HSV angeboten wurden, das dürfte den 12-Euro-Karten im Heimbereich entsprechen zzgl. einer Gebühr (VVK, Versand?) Dann dürften die Sitzplatzpreise analog gestaltet gewesen sein. Sollte ich den Preis noch herausfinden, schreibe ich das noch dazu. Die 100 Euro sind sicher ein Gerücht.

      2. Nun die vollständige Information:
        Stehplatz: 12 Euro plus 10% = EUR 13,20
        Sitzplatz: 25 Euro plus 10% = EUR 27,50
        Die 10% Aufschlag erhebt offenbar der Gästeverein.
        Das heisst, die Gäste zahlen unerheblich mehr als die Heimfans.

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