„Vor Götze hat man im Arsenal-Lager riesigen Respekt“

So, während man sich im BVB-Forum noch drüber streitet, wer denn nun Schuld an der verdienten Niederlage der Borussia aus Dortmund gegen die Hertha aus Berlin hat, lass ich schon mal den Blick auf Dienstag schweifen. Ich hatte „Ste“ vom Goonerportal um ein kleines Interview zum Arsenal Football Club gebeten. Es freut mich, dass es ein sehr ausführliches geworden ist. Danke!
Viel Spaß dabei.

Einfache Frage zu Beginn: Mit Borussia Dortmund, Olympiakos Piräus und Olympique de Marseille hat Arsenal eine attraktive Gruppe bekommen. Welche Erwartungen hast du?

Im Gegensatz zu unseren Gruppengegnern haben wir in den letzten Jahren immer eine große internationale Rolle gespielt, von daher muss es eigentlich unser Anspruch sein, Gruppenerster zu werden. Gerade aus dem Vorjahr sollten wir unsere Lehren gezogen haben. Damals hatten wir nach Kantersiegen gegen Braga (6:0) und Donezk (5:1) viel zu früh den Fokus verloren und landeten in der Endabrechnung prompt nur noch auf dem zweiten Rang. In der Achtelfinalauslosung wurde das bitter bestraft, wir bekamen das Albtraumlos Barcelona zugeteilt und die Sache war gelaufen. Die Mannschaft wäre gut beraten, es diesmal gar nicht erst so weit kommen zu lassen.

Nichtsdestotrotz glaube ich nicht, dass es ein Spaziergang auf dem Weg zum Gruppensieg wird. Dortmund hat eine fantastische Saison gespielt, verfügt über große individuelle Qualität und setzt auf eine Spielweise, mit der wir nur schwer zurecht kommen könnten. Marseille hat zur Zeit zwar schwer mit sich selbst zu kämpfen, bleibt aber ein Team mit ausgeprägter internationaler Erfahrung und hat in der Vorsaison Manchester United vor große Probleme gestellt. Auch Olympiakos würde ich nicht unterschätzen, die Mannschaft nähert sich immer mehr Ernesto Valverdes Vorstellungen an und verfügt über ein gefälliges und variantenreiches Offensivspiel. Zumal alle drei Teams für stimmungsvolle Heimstätten bekannt sind, was die Auswärtsaufgaben noch unangenehmer macht. Es wird also hochinteressant und mitunter sehr eng zugehen.

Der FC Arsenal ist – sagen wir mal – suboptimal in die Saison gestartet. Neben dem 0:2 zu Hause gegen Liverpool gab es eine 2:8-Klatsche im Old Trafford. Wo siehst du die Hauptursache für die Probleme? In den Verkäufen von Nasri, Fàbregas, Eboué und Co. oder an der großen Verletztenmisere?

Zunächst einmal möchte ich das Spiel gegen United in einen besonderen Kontext stellen. Sicher, das Resultat ist ein echter Schock, doch an diesem Tag lief einfach alles schief, was nur schief laufen konnte.
Fergusons Truppe hingegen konnte einfach nichts falsch machen, sie trafen aus allen erdenklichen Winkeln und spielten gegen eine Mannschaft, die man nicht einmal mit dem Wörtchen B-Elf treffend beschreiben würde. Rooneys Bewacher Coquelin gab sein Premiershipdebüt und ist auf der Doppelsechs normalerweise nur vierte Wahl, Youngs Gegenspieler Jenkinson kommt aus der dritten Liga und hatte selbst dort nur etwa Dutzend Spiele bestritten. Dazu hatten wir auf der Ersatzbank einen Spieler, über den noch nicht einmal Wikipedia etwas wusste – keine guten Voraussetzungen für die Auswärtsaufgabe Old Trafford.

Die Verletzungsproblematik ist sicher einer der Hauptgründe für den schlechten Saisonstart. Seit Jahren haben wir unfassbares Pech, und zwar nicht nur deswegen, weil die Kollegen Taylor/Shawcross ausgerechnet die Schien- und Wadenbeine unserer Spieler brechen müssen. Fàbregas verpasste in den vergangenen drei Jahren vierzig Ligaspiele, auf Abwehrchef Vermaelen mussten wir im Vorjahr 33 Spieltage lang verzichten, van Persie und Walcott fielen beide insgesamt zwölf Wochen aus. Kieran Gibbs ist erst 21 und galt mal als nationaler Thronfolger Cashleys, hat jedoch auch schon einen Mittelfußbruch hinter sich; Abou Diaby fiel im Vorjahr unfassbare 20 Wochen aus und begann die neue Saison prompt erst einmal mit einer Knöcheloperation. Unnötig zu erwähnen, dass es auch in diesem Jahr ähnlich weitergeht und Vermaelen ebenso einige Wochen lang pausieren muss wie Jack Wilshere, mittlerweile die Seele unseres Spiels. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, wann wir zuletzt das wirklich beste Aufgebot auf den Platz schicken konnten. Irgendwo in unserem Stadion muss einfach ein toter Frosch vergraben worden sein, vielleicht sollte ich mich mal auf die Suche machen.

Aus irgendeinem Grund haben wir die Saison außerdem begonnen, als würde bei uns Dave Bassett an der Linie stehen und Vinnie Jones die Binde tragen. Zwei Tätlichkeiten gegen Newcastle, Gelb-Rot gegen Liverpool, Gelb-Rot gegen Manchester: Disziplinlosigkeiten sind eigentlich das Letzte, was wir jetzt noch gebrauchen könnten. Aber klar, ohne Song, Gervinho und Frimpong wurde es gegen United natürlich nicht gerade einfacher, erst recht, wenn man auch noch 15 Minuten Unterzahl oben drauflegt.

Ansonsten liegt das Desaster ganz klar in der Personalpolitik begründet. Der Kader hatte einfach nicht die nötige Breite, um all die Ausfälle auch nur halbwegs optimal auffangen zu können. Nasri, Fàbregas und Clichy abzugeben war zwar eine vollkommen richtige Entscheidung, doch man muss im Gegenzug auch adäquaten Ersatz reinbringen. Sicher kosten Spieler wie Cahill, Hazard, M’Vila oder Baines eine Menge Geld, doch das wäre eigentlich dagewesen. Alleine durch die Verkäufe dieser Transferperiode hatte man immerhin gut 70 Millionen zu Verfügung, und Spieler wie Arturo Vidal sind auch schon für zehn Mio. zu haben, wenn man nur schnell genug reagiert. Doch wenn man gar nicht erst die Absicht hat zu kaufen und erst in den letzten beiden Tagen Notkäufe tätigt, endet man eben mit einem notdürftig zusammengeflickten Team.

Mit Mertesacker, Mikel Arteta und anderen Spielern hat Arsène Wenger doch noch auf dem Transfermarkt reagiert. Was erwartest du von den Einkäufen?

Sie sollen uns in erster Linie vor allem die eben angesprochene Breite verschaffen. Mindestens fünf Spieler sind bei uns eigentlich immer verletzt, darunter immer auch zwei oder drei Stammspieler. Wenn dazu noch Sperren hinzukommen, kann es schon einmal so aussehen wie gegen United, wo sich komplette Viererkette aus Bank- oder Tribünenpersonal zusammensetzt. So eine Situation darf sich unter keinen Umständen wiederholen, Spieler wie v.a. Benayoun oder Park werden das auch zu verhindern wissen.

Und doch bleiben einige Fragezeichen offen, vor allem im Bezug auf Mertesacker und Arteta. Nach Vermaelens Verletzung wird der Deutsche nun quasi im Alleingang die Defensive organisieren müssen – der kleine Haken ist nur, dass ich ihm die Eignung für den englischen Fußball weitgehendst abspreche. Mertesacker ist im Rückwärtsgang viel zu langsam und damit tödlich für eine Mannschaft wie uns, die sehr hoch verteidigt und dadurch anfällig für Konter ist. Für euch Dortmunder sehe ich übrigens in diesem Punkt eine große Chance.

Arteta hingegen passt unzweifelhaft in diese Mannschaft und wird unser Spiel von Beginn an prägen, doch in seinen sechs Jahren bei Everton kam er auf unfassbare 24 Verletzungen. Der nächste Patient scheint sich also schon auf dem Weg zur Bahre zu machen, zumal er mittlerweile auch einiges von seiner früheren Torgefahr und Brillianz einbüßen musste. Doch immerhin ist das Spielmacher-Vakuum mit dieser Personalie erst einmal ausgefüllt, wenn sich nicht in den nächsten Wochen ganz zufällig ein Stollen in sein Bein verirren sollte. Eine dauerhafte Lösung wird jedoch nur Linksverteidiger André Santos darstellen, und das macht mir schon ein wenig Sorgen. Der Mannschaft fehlt es immer noch ganz entscheidend an einem zweiten überragenden Innenverteidiger und einer echten Kante auf der Neun.

Auch wenn die Saison noch früh ist: Wo siehst du die Stärken und die Schwächen der Gunners? Was erwartest du selber in dieser Saison von den Gunners?

Unsere Stärke ist ganz klar die spielerische Dominanz. Wir können einem Spiel unseren Rhythmus aufzwingen und den Gegner mit Ballstaffetten in den Wahnsinn treiben, bis wir ihn da haben, wo wir ihn haben wollen. Außerdem sollte man auf unsere Flügelspieler Acht geben, die allesamt sehr schnell unterwegs sind und an guten Tagen kaum zu verteidigen sind, egal ob nun von Barcelona oder Udinese.
Zusätzlich lassen sich natürlich noch die diversen individuellen Qualitäten aufführen. Ein Arshavin zum Beispiel erinnert zwar desöfteren an einen lustlosen Mittfünziger in Diensten einer Traditionsmannschaft, kann aber immer noch in einer einzigen Sekunde einem Spiel eine Wendung geben. Komplett tot und aus dem Spiel genommen sind wir somit eigentlich nie, auch wenn es manchmal den Anschein hat.

Unsere Schwäche liegt ganz eindeutig in der Defensive. Nachdem wir endlich einen geeigneten Linksveteidiger gefunden haben und Sagna wieder nach rechts rutschen darf, dürften wir auf den Außen nun immerhin wieder ziemlich solide stehen. Gegen Udinese sah das noch ganz anders aus, die Italiener spielten wirklich jeden Angriff über unsere linke Seite und kamen damit auch fast immer durch. Pech also für Mario Götze, vor dem man im Arsenal-Lager übrigens riesigen Respekt hat. Dafür macht die Innenverteidigung nun noch mehr Sorgen, da ihr Chef weiterhin fehlt. Ohne Vermaelen sind weder Koscielny noch Djourou wirklich zu gebrauchen, Squillaci sowieso nicht, und auch mit der Personalie Mertesacker bin ich nicht glücklich. Schon ohne ihn sind wir jederzeit zu einem Patzer in der Lage, mit ihm werden wir bei schnellen Kontern nur noch größere Probleme haben. Das Länderspiel gegen Polen hat meine Sorgen nur weiterhin verstärkt, auch wenn Wenger hoffentlich nicht auf Idee kommt, von heute auf morgen ein 4-1-4-1 einzuführen.

Außerdem haben wir in der Offensive den verhängnisvollen Drang, lieber in Schönheit zu sterben als den Ball unsauber oder gar – man stelle es sich nur vor – mit einem Weitschuss ins Netz zu befördern.
Dankenswerterweise können wir es auf europäischer Ebene mitunter aber auch richtig dreckig, so dass ihr in diesem Punkt keine allzu großen Hoffnungen machen solltet. So etwas heben wir uns meistens für den Ligaalltag auf, wenn wir mal wieder Lust auf eine Nullnummer gegen einen Aufsteiger haben.

Meine Ansprüche an die Saison halten sich in Grenzen, im Endeffekt bin ich einfach nur froh, wenn wir diese Spielzeit halbwegs unbeschadet überleben. Im Prinzip zählt deswegen nur der vierte Platz. Irgendwann steht sicher auch mal wieder ein Titel auf der Agenda, doch das Hauptaugenmerk liegt eindeutig auf der Liga.

In England ist der FC Arsenal einer der wenigen Topklubs, der nicht jedes Jahr ein riesiges Transferdefizit hat. Vereine wie Chelsea oder Manchester United finanzieren ihre Erfolge auf Pump. Wie siehst du das Thema?

Mit gemischten Gefühlen. Mittlerweile haben wir leider selbst so etwas wie einen Investor, allerdings macht „Silent Stan“ seinem Namen alle Ehre und hält sich im Hintergrund, aus dem er nur hervortritt, um Arsène Wenger sein vollstes Vertrauen auszusprechen. Wir arbeiten also prinzipiell unter denselben Voraussetzungen wie Dortmund und können nicht auf Geldströme aus Russland oder Abu Dhabi vertrauen, wie das unsere Konkurrenten tun und uns damit im Vorjahr erfolgreich ausgestochen haben. Allerdings läuft auch bei uns nicht alles so, wie ich es gerne hätte. Nicht nur, dass ein nicht unerheblicher Teil der Fans nach der usbekischen Heuschrecke Usmanow und finanziellen Kraftakten schreit; sie setzen sich auch nicht wirklich gegen die massiven Ticketpreiserhöhungen zur Wehr, so weit ich das von Deutschland aus beurteilen kann. Außerdem haben wir mittlerweile einen durchdesignten Betonkasten als Heimstätte, der von Highbury nicht mehr viel übrig gelassen hat und zu einem wesentlichen Teil durch arabische Öldollars finanziert wurde. Es gibt also keinen Grund, sich als die große Alternative des englischen Fußballs zu präsentieren, weil wir das nicht sind. Das verdienen Klubs wie der AFC Wimbledon, FC United of Manchester oder von mir aus auch der AFC Liverpool, denen steht es somit eher zu, darüber zu urteilen. Wenn aber für einen Andy Carroll vierzig Millionen gezahlt werden, dann sollte jeder feststellen, dass irgendetwas ganz gewaltig falsch läuft.

Ich warne allerdings davor, – und jetzt erreiche ich sicherlich einen sensiblen Punkt – Manchester United mit Chelsea oder Manchester City über einen Kamm zu scheren. Sicher gibt es so einiges, was man an United aussetzen könnte, doch den Weg nach ganz oben haben sie sich durch eine wahnhafte Expansionspolitik erkauft, nicht nur den Beistand der Heuschrecke Malcolm Glazer. In Deutschland macht man es sich oft viel zu einfach und steckt Dinge schneller in Schubladen, als man sollte. Auch dass Schulden zwangsläufig etwas Schlechtes sein müssen, stimmt aus marktwirtschftlicher Sicht überhaupt nicht, und genauso sehen die Vereine heutzutage nun einmal die Dinge. Bei allem nachvollziehbaren Idealismus, den auch ich bis zu einem gewissen Grad teile, fehlt mir in der Debatte ab und zu ein gutes Stückchen Realismus, vor allem wenn es um Verbindlichkeiten und Investitionen geht.

Und zum Abschluss: Was traust du dem BVB in der Champions League zu?

Der zweite Platz in dieser Gruppe ist drin, doch schon für dieses Zwischenziel müsste die Mannschaft absolut ans Limit gehen. Die Chancenverwertung hat euch schon in der Europa League das Genick gebrochen, in der Champions League wird die Problematik noch ernster.
Aber wenn ihr einfach euren Fußball spielt, kühlen Kopf bewahrt und euch vor dem Tor nicht total vertrottelt anstellt, kann das auf alle Fälle was werden. Das Viertelfinale läge jedenfalls im Bereich des Möglichen, doch das letzte Wort haben sowieso immer die warmen Kugeln von Nyon.

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