Sezierstunde 2010/2011: FC Bayern München

Nach ein paar Tagen Pause setzt sich heute die Reihe der Sezierstunden fort. Am heuten Dienstag kommt Andre an die Reihe, seine Zeichens Bayernmitglied Nummer 5580 (Stand: 13.06.2011) und Betreiber des Blogs „Fernglas FCB„. Er „seziert“ eine turbulente Saison des deutschen Rekordmeisters zwischen Trainerposse, Fanprotesten, Torwartwechseln und „Koan Titel“.

Viel Spaß.

1. Wie fällt dein/euer Fazit zur Saison deines/eueres Vereins aus?
Mein Fazit ist: Es war eine enttäuschende Saison für den FCB. Das Potenzial der Mannschaft, die erfolgreiche Vorsaison, der gute Einstieg von van Gaal in seiner ersten Saison – all das ließ hoffen, dass es eine gute Spielzeit werden würde. Doch von Beginn an lief alles irgendwie „unrund“. Erst der Stotterstart, den man sich noch mit Nachwehen der WM schön zu reden versuchte, dann die ständigen Verletzungen von Spielern. Die fehlende Konstanz und die dadurch regelmäßigen Enttäuschungen, nervten – nie kam man so richtig ran an die Spitze. Dann das Theater mit und um Louis van Gaal, die drohende Nichtteilnahme an der Champions League – und zum Schluss dann noch Tamtam im eigenen Stadion wegen Neuer und Sechzig. Da war dann alles in allem doch zu viel „Wurm drin“ für eine Spielzeit. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass es vorbei ist – Stagnation ist Rückschritt. Das tut einem Bayern-Fan immer weh.

2. Wo sind die Stärken deines / eueres Vereins?
Die Stärken sind derzeit in der Offensive zu finden. Die Tore von Gomez, die Effizienz eines Arjen Robben, die prima Vorarbeiter Ribéry und Müller. Obwohl Olic die ganze Saison ausfiel und Klose nur ein Tor schoss, beste Punktausbeute in der Rückrunde, die meisten Treffer, die meisten Siege – all das spricht für sich. Unser Problem lag definitiv nicht vorne.

3. Wo besteht Handlungsbedarf?
Nun das liegt glasklar – für jedermann sichtbar – auf der Hand: die Defensive! Ein erster Schritt ist mit Manuel Neuer getan. Ein Weltklassemann im Tor, der auch Ausputzer sein kann. Erfahrene und richtig gute Abwehrspieler müssen das Team nun verstärken – ich hoffe, man trifft die richtigen Entscheidungen und bekommt auch die richtigen Spieler dafür. Natürlich braucht man für Ribéry und Robben eine Art „Alternative“ – beide sind verletzungsanfällig. Entweder gute, talentierte Back-Ups – oder gar ein taktisches System, was sich im Falle eines Falles anpassen lässt.

4. Wo seht/siehst ihr/du euren/deinen Verein in der kommenden Saison?
Die Bayern werden wieder richtig gallig sein – so eine Saison wie die abgelaufene weckt wieder den Hunger in der Mannschaft. International wird es sicher sehr schwer an den Schwergewichten Barca und Manchester United vorbei zu kommen, zunächst muss man sich ja erstmal qualifizieren. Ein Viertelfinale in der CL ist für Bayern immer drin – und ab da ist alles machbar. National werden wir wieder eine gewichtige Rolle spielen. Am Ende wird dann Bayern Meister – das ist nach einem titellosen Spieljahr Verpflichtung. Ich freu mich auf interessante Neuzugänge und auf Manuel Neuer im Bayern-Tor.

5. Wie beurteilt/beurteilst ihr/du die abgelaufe Saison? Was hat dir/euch gefallen? Was war enttäuschend?
Was soll ich da beurteilen? Der Meister in ein verdienter, aber das ist er sonst ja auch. Gefallen hat mir die Konstanz der Leverkusener, denen man jetzt wieder ihr Image unter die Nase reibt – ich fand deren Saisonleistung auch wirklich beeindruckend. Gefallen hat mir der Fußball, den Dortmund, Mainz und Hannover – streckenweise auch Nürnberg gespielt haben.
Es war turbulent: Dass mit Stuttgart, Bremen, Schalke und Wolfsburg Mannschaften unten festhingen, die man eigentlich viel weiter vorne erwartet hätte. Irgendwie verkehrte Welt. Enttäuscht hat mich, dass es der überschätzte Lautsprecher Christoph Daum wieder in Bundesliga geschafft hat, aber das Thema dürfte ja jetzt hoffentlich passé sein. Enttäuscht haben mich die ganzen Trainerwechsel. Teilweise konnte man das Trainerroulette ja kaum mehr ernstnehmen. Enttäuscht haben mich die Schiedsrichter – ganz oft, ganz schlechte und für die Betroffenen verheerende Entscheidungen. Enttäuschend ist, dass ein Verein wie Schalke keinerlei Lizenzierungsauflagen gestellt bekommt, dieses aber bei zurückhaltenden, wirtschaftlich vernünftig handelnden Klubs wie dem VfL Bochum verlangt. Etwas verwunderlich, wenn man sieht, dass auf Schalke immernoch Verbindlichkeiten aufgestockt werden und von weiteren Verpflichtungen gesprochen wird – bei deutlich über 200 Mio. Schulden.
Es war irgendwie ein – auch medial – „verrücktes“ Spieljahr – am Ende ein bißchen too much für meinen Geschmack.

Hier wie immer die Gesamtübersicht.

2 Antworten auf „Sezierstunde 2010/2011: FC Bayern München“

  1. Zu 1.:

    Mein Fazit zu dieser Saison des FCB: Der FC Bayern bleibt weiterhin das deutsche Real Madrid. Der Versuch, mit Louis van Gaal so etwas wie einen kleinen FC Barcelona hierzulande aufzuziehen ist grandios gescheitert. Sehr zu meinem Bedauern. Die Gründe sind vielschichtig und wurden an vielen anderen Stellen bereits en detail analysiert und diskutiert. Meiner Ansicht nach hat auch Louis van Gaal einen gewissen Anteil an diesem Scheitern, die Hauptschuld sehe ich allerdings bei unserem Präsidenten und unserem Vorstand. Zusammen mit weiten Teilen des – vorsichtig formuliert – doch sehr titelorientierten Umfelds haben diese Vereinsorgane eindrucksvoll demonstriert, dass der FC Bayern kein Verein ist, in dem man langfristige Strategien umsetzen kann. Der x-te deutsche Meistertitel bzw. x-te DFB-Pokalsieg sind offensichtlich wichtiger, als etwas aufzubauen, was sich nachhaltig in der absoluten internationalen Spitze etablieren ließe. Schade drum.

    Rein sportlich gesehen war – da bin ich ganz bei Andre – war die Saison natürlich eine Enttäuschung. Damit hätte ich jedoch sehr gut leben können, wären wir den mit van Gaal beschrittenen Weg dennoch weiter gegangen. So aber bleibt die bittere Erkenntnis, dass es bald wieder so sein wird, wie es immer war seit 2002 und das es so bleiben wird, so lang der Präsident des Clubs Uli Hoeneß heißt. Nichts gegen dessen absolut großartige Verdienste um den Verein, insbesondere in kaufmännischer Hinsicht. Aber sportlich betrachtet gehört die Profiabteilung in neue, kompetentere Hände. Den gegenwärtigen Vorstand der AG und seine Repräsentanten zähle ich übrigens nicht dazu.

    Zu 2.:

    Hier bin ich ganz bei Andre. Berücksichtigt man, dass die technischen Fähigkeiten eines Mario Gomez doch arg limitiert sind, ist es umso erstaunlicher, was er – an Treffern gemessen – letztendlich noch daraus gemacht hat. Robben, Ribéry, Müller, Olic. Unsere Offensive ist die Stärke des Clubs. Aus sportlicher Sicht.

    Zu 3.:

    Wie von Andre bereits festgestellt, ist die Defensive unsere Problemzone. Mit Neuer und Rafinha haben wir uns hier bereits sehr gut verstärkt. Für die Innenverteidigung muss aber imho noch ein absoluter Topspieler geholt werden, an dessen Seite sich Badstuber weiterentwickeln kann. Badstuber? Ja, Badstuber. Ich gehöre nicht zu denjenigen die immer Hummels vom BVB zurückholen wollen. Ich behaupte, dass Badstuber nicht schlechter ist als Hummels. Ob ich Recht habe, wird die Zukunft zeigen. Ansonsten bin ich auch hier ganz bei Andre. Was mir aber generell noch fehlt ist ein richtiger Typ auf dem Platz. Das Kapitänchen bringt das nicht und Schweinsteiger allein kann das auch nicht vollständig kompensieren.

    Zu 4.:

    Keine Frage, wir werden national wieder um den Titel mitspielen. Wenn die Lücke in der IV geschlossen wird und wenn wir von langfristigen Verletzungen der Schlüsselspieler verschont bleiben. Wenn nicht, wird es eng im Kampf um die deutsche Meisterschaft. Vielleicht zu eng.

    Was die internationalen Erfolgsaussichten betrifft, gebe ich mich keinen großartigen Illusionen hin. Spätestens im Viertelfinale der Champions League wird Schluss sein.

    Zu 5.:

    Die größte Enttäuschung war aus meiner Sicht das Verhalten unserer Vereinsführung. Gegenüber Louis van Gaal (siehe zu 1.), wie auch gegenüber den eigenen Fans. Aber auch das Verhalten der Fans dort, wo es in mehr als bloßen und harmlosen Plakatprotestesten ausartete (Schlachtaufrufe sehe ich übrigens nicht mehr als harmlos an, „Koan xy“ dagegen schon) war mich persönlich ein Rückschritt. Damit meine ich die stupiden Beschimpfungen eines Manuel Neuer auf Schalke und (!) in München genauso, wie z.B. den Platzsturm einiger Frankfurter Anhänger.

    Sportlich gesehen geradezu ein Schock war für mich die Niederlage des FC Bayern im Achtelfinalrückspiel der Champions League gegen Inter Mailand. Ich war im Stadion dabei und konnte nach dem Abpfiff erst einmal ein paar Minuten gar nichts sagen. Unbeschreiblich, wie man dieses Spiel noch aus der Hand geben konnte.

    Ansonsten war es auch aus meiner Sicht einfach eine verrückte Saison. Ist doch auch mal schön. Unabhängig davon: Der BVB hat verdient die Meisterschaft geholt und der FC Barcelona ebenso verdient den Titel in der Champions League gewonnen.

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