„Ich möchte endlich mal wieder Einsatz und Kampfgeist sehen.“

Noch 3 mal schlafen, dann startet des Deutschen liebstes Kind, die Fußballbundesliga in ihre 49. Runde. Titelverteidiger Dortmund trifft zum Auftakt auf den HSV, einer der vielen Unbekannten zu Saisonbeginn. Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, habe ich ein Interview mit den Hamburger Bloggern „pleitegeiger“ und den schon hier bekannten „nedfuller“ geführt. Vielen Dank dafür an die Beiden.

Eine lockere Frage zum Einstieg: Wie habt ihr die Sommerpause verbracht? War die Frauen-WM ein Thema bei euch?

nedfuller:  Frauen WM? Wann war die denn? Ich habe seit 2008 schon sehr geringes Interesse an der Herren-Nationalmannschaft, warum sollte ich dann den  Frauen folgen? Sommerpause habe ich mit viel Gedanken an den HSV verbracht. Es war dafür dann zu viel los bei uns in der letzten Saison.

pleitegeiger:  Im Großen und Ganzen bestand meine Hauptbeschäftigung während der  Sommerpause darin, laut zu seufzen und auf den 1. Spieltag der neuen  Saison zu warten. Abgelenkt wurde ich dabei von 2 1/2 Wochen Urlaub, in  dem ich den Fußball überraschend wenig vermisst habe. Die Frauen-WM habe ich komplett ignoriert – es interessiert mich einfach nicht, ich kann damit nix anfangen.

Glaubt ihr, dass der Ligaalltag des Damenfußballs von der WM profitieren wird?

nedfuller: Nein.

pleitegeiger:  Ich kann es mir auch kaum vorstellen. Die Mode-Fans, die sich während  der WM 2006 mit Deutschlandfahne auf der Wange „Schweiniiii“-kreischend  auf den Fanmeilen rumgetrieben haben, sah man danach ja auch nicht mehr  im Stadion.

Mit der Damennationalmannschaft hat euer HSV ja gemein, dass er eine  enttäuschende Rolle gespielt hat. Sowohl auf als auch neben dem Platz  gab der HSV bisweilen für chaotisches Bild ab. Wo seht ihr die Hauptgründe für die schlechte Saison?

pleitegeiger: Na, na, na, Vorsicht mit den Vergleichen! Beim HSV gibt’s wenigstens keinen Neid. Nicht mal auf der Bank…

Ich  glaube ja nach wie vor, dass die Klasse auch vergangene Saison im Kader vorhanden war. Es hat nur jemand ge-veh-lt, um sie rauszukitzeln.

nedfuller: Der Kader wurde nicht von dem Trainer zusammengestellt, der den HSV in  der letzten Saison trainiert hat. Ein Sportchef gab es auch nicht, der  eine Idee hat, wie der HSV sich aufstellen soll. Der Vorstand konnte  nicht in Ruhe seine Arbeit machen, weil er um seinen Job kämpfen musste. Was man jetzt so hört, war das Klima in der Mannschaft alles andere als  leistungsfördernd.

Sowohl auf als auch neben dem Platz gab es zudem eine hohe Fluktuation. Mit Frank Arnesen wurde endlich ein Sportdirektor gefunden, der vornehmlich auf junge Spieler zu setzen scheint. Dagegen sind mit Rost, van Nistelrooy, Ze Roberto und Mathijsen alte Herren von Bord gegangen. Wie seht ihr den angeschlagenen Weg?

nedfuller:  Erstmal ist es wichtig gewesen zu erkennen, dass es so nicht weiter gehen kann. Aus der eigenen Jugend kam nichts nach und die Spieler, die eingekauft worden sind, haben sich mit dem erreichtem zufrieden gegeben.

Was  ich allerdings nicht unbedingt verstehe: Es wurden junge Spieler  gekauft, die dem Profikader zugeordnet worden sind. Aber es muss in den  U19-U23 nachgelegt werden. Talente müssen gefunden und gefördert werden,  so dass wir in Zukunft nicht mehr bei anderen Vereinen die  Jugendabteilung plündern müssen.

pleitegeiger:  Es ist sicher unbestritten, dass der HSV zuletzt einen zu hohen Altersschnitt hatte und man jungen Spielern zu wenig Chancen anbot. Wenn  sich einer von denen mal in die erste Elf verirrt hat, dann reichte ein  Fehler und er ward dort nie wieder gesehen. So führt man natürlich  keine Jungen an die
Mannschaft heran.

Eine Verjüngung tat also sicherlich Not, wobei mir gerade der Abgang von  Rost und Collo (Collin Benjamin, Anm. des Autors) sehr nahe gingen. Ruud und Zé, ja, klar, auch – aber  Fäustel und Benjamin taten schon echt weh. Weil es echte Typen waren und ich da dann doch Fußballromantiker bin.
Man  muss abwarten, wie sich die jungen Wilden jetzt zusammenfügen. Mir wäre  ein wenig wohler, wenn noch jemand wie Zé da wäre, um ihnen etwas mit  auf den Weg zu geben. Aber Jarolim ist noch da, und als Papa Schlumpf kann ich ihn mir auch ganz gut vorstellen.

Was haltet ihr von den neuen beim HSV? Seht ihr noch Bedarf im Kader?

pleitegeiger:  Ich hoffe, dass der neue HSV funktioniert und man nicht wieder mitten in  der Saison versuchen wird, irgendwelche Transferlöcher zu stopfen.

nedfuller:  Ich kann Skjelbred so schwer einschätzen, wir brauchen noch einen  Box-to-Box Spieler im Kader. Einen echten reinen Zehner gibt es wohl  nicht mehr oder er ist unbezahlbar.

pleitegeiger:  Für mich selbst… Ich glaube, das erste Heimspiel wird sehr seltsam, es sind viele neue Namen dabei. Und viele alte, liebgewonnene, nicht mehr.

Passt Michael Oenning zum HSV?

nedfuller:  Da Guardiola und Mourinho keine Lust hatten bei uns den Job zu machen:  Ja. Da ich aber in den letzten 7 Jahren mehr Trainer gesehen habe als Lothar Matthäus junge Ostblockfrauen (und das ist nicht einfach!) glaube  ich nicht so recht daran, dass er der einzig wahre echte richtige Trainer für uns ist. Seine  Leistung bei Nürnberg schätze ich hoch ein, er ist ein Trainer, der mit den letzten 7 nicht zu vergleichen ist. Eigentlich ist er ja ein  Lehrer.Taktische und systematische Kenntnisse spreche ich im zu, ich  glaube es gibt
nur wenige Trainer heutzutage, die darüber nicht  verfügen. OK, Daum mal außen vor gelassen. Das Duo Arnesen/Oenning scheint auch zu funktionieren, beide haben wohl eine ähnliche bzw. gleiche Ansicht, welchen Fußball wir spielen wollen.

pleitegeiger:  Ich bin da nach wie vor skeptisch. Bisher sieht es ja so aus, als hätte er, gemeinsam mit Arnesen, so was wie einen Plan. Und momentan sieht es auch noch so aus, als könnte er aus dem ganzen jungen Gemüse so was  Ähnliches wie eine Mannschaft machen.

Mal  abwarten, wie das dann in der Praxis aussieht. Es sind sicherlich derzeit einige Spieler nicht erste Wahl, die dann auch mal ein wenig  unzufrieden werden. Dann wird’s spannend.

Beim LIGATOTAL! Cup in Mainz unter der Woche traf Heung Min Son doppelt  gegen die Bayern, dazu war er in den Testspielen ein Torgarant. Was  haltet ihr von Ihm?

pleitegeiger:  Ich halte sehr viel von ihm. Er wirkt sehr ehrgeizig und lernwillig,  ist aber gleichzeitig offenbar sehr bescheiden und auf dem Boden  geblieben. Als wir beim Training waren, schleppte er die Ballnetze. Ich mag das. Das wirkt so… echt. Seine Vorbereitung war natürlich ein  Knaller, aber
man muss erst mal abwarten, wie er sich gegen „echte“  Gegner behaupten kann. Ich hoffe einfach, dass er sich diese Leichtigkeit  und Unbekümmertheit erhalten kann und von Verletzungen verschont  bleibt. Dann werden wir viel Freude an ihm haben!

nedfuller:  Wir haben lange nicht mehr so ein Talent in den Reihen gehabt. Und wenn  man sieht, wie er zu uns gekommen ist (der Hamburger Fußball Verband  hat mit dem Koreanischem Verband ein Austauschprogramm gestartet, einige Spieler kamen in unser Nachwuchszentrum und er wurde dort entdeckt und  gehalten) dann kann man tatsächlich davon sprechen, dass er aus der  eigenen Jugend kommt. Das gefällt. Hoffentlich wird in die Zeit gegeben, sich weiter zu entwickeln.

Im Tor hat euch Frank Rost verlassen und sollte eigentlich von Jaroslav Drobny ersetzt werden. Dieser scheint aber verletzt zu sein, was er  selber anders sieht. In Mainz zeigte sein Vertreter, Tom Mickel, einige  tolle Paraden. Wen seht ihr am kommenden Wochenende in der 1. DFB-Pokalrunde in Oldenburg in der Startelf?

nedfuller: Drobny. Das hat der Trainer schon sehr schnell festgelegt. Gegen  Groningen hat Drobny eine sehr gute Leistung gezeigt. Sorge mache ich  mir um unsere eigentliche Nummer 2: Wolfgang Hesl. Er hat ja leider nie  eine richtige Chance bei uns bekommen. Und die Aussage des Trainers und  auch des Sportchefs, man suche noch immer einen jungen Torwart, den man  aufbauen kann, haben nicht gerade geholfen.

pleitegeiger: Ich tippe auch auf Drobny.

Zum Saisonauftakt kommt es für den HSV direkt zum Duell mit dem deutschen Meister aus Dortmund, der offensichtlich schon gut in Schwung  ist. An den folgenden 4 Spieltagen heißen die Gegner dann Hertha BSC (H), Bayern München (A), 1. FC Köln (H) und Werder Bremen (A). Was denkt  ihr über euer Auftaktprogramm? Nichts zu verlieren oder Angst vor einem  Fehlstart?

pleitegeiger: Die hau’n wir wech! Alle! 🙂

nedfuller:  An sich haben wir ja in dieser Saison nichts zu verlieren. Ich lehne mich mal aus dem Fenster: 1-3-1-3-1 🙂 Wäre kein Fehlstart meiner  Meinung nach.

Apropos Werder Bremen: Dort scheint es einige Differenzen zwischen  Manager Allofs und dem Aufsichtsrat zu geben. Dazu ist der Kader vor  allem defensiv arg dünn besetzt. Seht ihr euch SPORTLICH weiter als der  Rivale von der Weser? Genießt man es in Hamburg, dass der sonst so  ruhige und vorbildliche SV Werder, der euch bekanntlich nicht nur einmal  in der jüngeren Vergangenheit gedemütigt hat, aktuell ein chaotisches Bild abgibt?

nedfuller: Klar. Ich hätte nichts gegen einen Abstieg dieses Vereins.

pleitegeiger:  Ich weiß, es ist schlecht: Aber ja, ich weide mich am Leid von Wer da? Und ich weiß, dass es umgekehrt nicht anders ist.

Was erwartet Ihr von der kommenden Saison vom HSV?

nedfuller: Eine junge, hungrige Mannschaft, den auch mal eine Schwächephase eingeräumt wird. Platz 1-9 sollte aber drin sein.

pleitegeiger:  Ich möchte endlich mal wieder Einsatz und Kampfgeist sehen. Leidenschaft, nicht nur auf den Rängen, sondern auch auf dem Rasen. Die tragen unsre Raute, sie sollen sich dafür gefälligst auch das ein oder  andere Bein rausreißen! Der Erfolg kommt dann von ganz allein.

Wie seht ihr den Rest der Liga? Seht ihr auch die Bayern am Ende vorne oder traut ihr einem anderen Klub zu, die Schale zu holen?

pleitegeiger:  Das fatale an mir ist ja: Ich glaube immer an das Gute in meinem HSV.  Daher glaube ich auch vor jedem Spiel, egal gegen wen, dass wir gewinnen. Und wenn man 34 Spiele gewinnt… nun ja.

Für echte, rationale Meistertipps bin ich nicht zu gebrauchen. Und einfach „Bayern“ sagen, weil’s fast jeder sagt… Nöööö.

nedfuller:  Mein Meistertipp ist Bayer Leverkusen. Der FCB wird alles tun, damit er  das Finale der Champions League erreicht und da wird die Bundesliga vernachlässigt.

Zum Abschluss eine obligatorische Quizfrage: Heißt der Trainer auf der HSV-Bank am Ende immer noch Michael Oenning?

nedfuller: Ja. (Ich will mal Ruhe im Verein haben)

pleitegeiger:  Ich hätte auch gerne mal Konstanz im Verein, auch und vor allem auf der  Trainerbank. Aber vom Feeling her habe ich da in Sachen Oenning nicht  das allerbeste Gefühl. Allerdings: Der Verein stapelt tief, spricht von  ein, zwei Saisons im Mittelfeld – vielleicht drücken sie diesmal nicht  so schnell den Auslöser des Schleudersitzes, wenn’s mal nicht so läuft.

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