Genie und Wahnsinn

Der Ballspielverein Borussia 09 e. V. Dortmund steht nach einer souveränen Vorstellung gegen den Zweitligisten aus Dresden im Achtelfinale des DFB-Pokals. Das an sich ist schon eine Meldung wert, ist der BVB doch eigentlich die Mannschaft mit dem größten Blamagepotenzial unter den Bundesligisten im DFB-Pokal. Er pendelt zwischen Genie und Wahnsinn im Pokalwettbewerb. Noch mehr Genie und Wahnsinn gab es gestern aber unter den berühmt-berüchtigten Anhängern der Gäste aus Dresden.

DICLAIMER: Ich kann hier lediglich von Aktionen im Stadion berichten, dass ich außerhalb des Stadions keinerlei Gewalttätigkeiten gesehen habe.

Den Fans der SG Dynamo Dresden eilt bekanntlich ein fragwürdiger Ruf voraus. Sie gelten als „extrem“ gewaltbereit, was auch immer man unter „extrem“ verstehen soll. Dieser zweifelhafte Ruf hat nicht nur den Effekt, dass die Dresdner bei vielen Gastgebern nicht gerne gesehen sind. Nein, sie ziehen natürlich haufenweise erlebnisorientierte Jugendlichen an, die an sich nichts mit Dynamo am Hut haben, aber halt die Chance auf Konfrontation mit der Polizei oder anderen Fans nutzen wollen. Das ist irgendwie wie beim FC St. Pauli. Der gilt bekanntlich als „anders“; wird in der Öffentlichkeit gerne als „kult“ oder „links“ wahrgenommen. Die ziehen auch massenhaft „linke“ und „kultige“ Typen an. Und die meisten dürften vermutlich keine 5 Spieler des FC St. Pauli ohne Google aufsagen können. Aber zurück zu Dynamo.

Das Genie der Dynamo-Fans zeigte sich gestern in einem der optisch besten Gästeblöcke, die ich je in Dortmund gesehen habe. Generell finde ich es geil, wenn die Fans einer Mannschaft geschlossen in den gleichen Farben aufkreuzen, egal ob die Stuttgarter mit weißen-roten Brustring T-Shirts, die Gäste gestern oder die BVB-Fans letztes Jahr bei den Fußlahmen. Auch gesangstechnisch waren die Ostdeutschen sehr stark, obwohl ich mir insgeheim mehr von ihnen erwartet habe. Immerhin war es für sie das Spiel der Spiele.

Ebenfalls grandios – auch wenn die Presse das natürlich anders sieht – war das Abbrennen der pyrotechnischen Gegenstände zu Beginn. Sowas habe ich persönlich von einem Gästeanhang in Dortmund noch nie gesehen. Besser war höchstens die Pyroaktion von Feyenoord Rotterdam im UEFA-CUP Finale 2002. Aber dort hatten sie ja ein Heimspiel. Wenn das Abbrennen von Pyrotechnik immer so gemacht werden würde wie zu Beginn der Partie, so wäre es sicherlich einfacher, für eine Abschaffung des Verbotes zu argumentieren. Das die Presse selbstverständlich wieder die Sau durchs Dorf treibt und Pyrotechnik verunglimpft, ohne dabei aber darauf zu verzichten, eben jene Pyrobilder als Aufmacher zu benutzen und diverse Fotostrecken nur damit zu füllen, war nicht anders zu erwarten. Aber das zählt sicherlich zur journalistischen Sorgfallspflicht, diese Bilder der Öffentlichkeit nicht vorzuenthalten.

Wahnsinnig dämlich ist es im Gegenzug zum Kampf zur Legalisierung von Pyrotechnik, wenn man den Verfechtern eines Verbotes quasi auf dem Silbertablett die Argumente verzehrfertig serviert. Da fliegen dann die Gerätschaften auf den Rasen oder Böller in die Nachbarblöcke, wo Fans des anderen Vereins sitzen. Damit erweist man jeglichem Kampf „pro Pyrotechnik“ einen Bärendienst. Ebenfalls sehr geistreich der Einsatz des Laserpointer bei einem Eckstoß von Götze. Da haben sie im Osten schön aufgepasst, als sie im TV den glorreichen BVB in dem weniger glorreichen Spiel in Marseille folgten.

Zu den Ausschreitungen, die ebenfalls wahnsinnig fördernd sind für eine freundlichere Behandlung durch Polizei und Co. kann ich – wie erwähnt – nicht viel sagen. Ich habe nur die Rufe gegen die Polizei vernommen, als Gagelmann das Spiel schon unterbrochen hatte. Dies ist im übrigen für mich das falsche Signal, weil die Leute dadurch noch viel mehr Beachtung erlangen. Das kurzfristiges Gerenne nach dem Spiel in der Nordtribüne kann ich auch nicht einschätzen. Beim Verlassen des Stadions an der Nordtribüne vorbei habe ich keinerlei Randale mitbekommen.

Zum Abschluss dann noch etwas heulerisches & peinliches. Ist es eigentlich dem Stadionbesucher nicht peinlich, auf der einen Seite den Einsatz von Pyrotechnik zu verteufeln und auszupfeifen, jedoch gleichzeitig mit dem Smartphone das Spektakel zu filmen und damit dann ordentlich bei Facebook und Co. zu prahlen? Mir wäre das zu dumm.
Ebenfalls zu dumm wäre es mir, vor ein paar Gästefans Angst zu haben und dann, wenn die Polizei da ist, die Pöbelarie zu beginnen. So wie am Bahnhof gesehen. Und wenn ich sehe, wie einige BVB-Fans die Dresdner aus sicherer Distanz bepöbeln und auffordern „zu kommen“, dann erwische ich mich manchmal dabei wie ich mir wünsche, dass just in dem Moment 3-4 „erlebnisorientierte“ auftauchen und die Einladung zum Duell annehmen. Und das, wo ich jeder Schlägerei seit 28 Jahren mehr oder weniger gekonnt aus dem Weg gehe. Aber gut, ich bepöbele auch keine Leute, da ich sowieso ein Debakel erleben würde.

3 Antworten auf „Genie und Wahnsinn“

  1. gut und sachlich beschrieben – dafür respekt
    das polizeikonzept war nicht schlecht, hatte aber fette mängel im einzelnen.
    man konzentrierte sich nur darauf, den marschierenden block der sgd zu kontrollieren,
    eine fantrennung von den bvb-fans zu denen der sgd war nicht (vorhanden) – beispiel:
    das aufeinandertreffen am bvb-fankiosk kam nur zustande, 
    da die bvb-fans von der u-bahnseite freien zugang zu den sgd-marsch hatten,
    hätte man diesen zugang direkt am u-bahnausgang gesperrt, hätte man ca. 150m pufferzone gehabt und nix wär passiert, dafür wären ca. 5 beamte nötig gewesen.

    die ca. 3 bulligen ordner vor dem kioks, alle mächtig breit-gross-und sehr wenig hirn (!) hatten mehr mehr angst
    als die leute im shop, haben dann aber mit breiter brust hinter den beamten gestanden  😉  (dies passt voll zum blogbericht)

    im stadion fehlte die fantrennung zwischen gästeblock und der geraden, man wusste doch das die dynamos kommen und die ganzen anderen menschenfresser aus dem osten (sorry, der musste sein).

    die viel zu spät eintreffenden beamten sprühten mit reizgas unorientiert und ziellos umher und erwischte dabei auch 3 ordner aus nahdistanz.

    der bvb-sicherheitschef, so hörte man nach dem spiel, wollte zudem ganz auf hinweise und dynamo-ordner verzichten, „wortlaut“: an unseren roten ordnern kommt keiner vorbei, da wird richtig dazwischen geknüppelt.
    ja, genau, man hat es ja dann gesehen herr s. !

  2. Pingback: Bürgerkrieg ist, wenn Bürgerkrieg ist! | Kopane.de | Mit der Schnecke unterwegs.

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