GASTKOMMENTAR: Die Frage nach dem Sinn

Die Nachricht vom Wechsel Mario Götzes zum FC Bayern schlug in der Nacht von Montag auf Dienstag wie eine Bombe ein. Die Worte Götzes, der vor kurzem sagte, er könne sich vorstellen, seine Karriere beim BVB zu beenden, tummelten sich sofort in den Ohren der Dortmunder Fans. So schenkte wohl kaum ein Schwarz-Gelber der Meldung der BILD Beachtung. Das mulmige Gefühl am nächsten Morgen beim Aufwachen sollte sich bestätigen. Als um exakt 10:19 Uhr die Bestätigung seitens des BVB ins Haus flatterte, hatte sich das, was viele zunächst für einen schlechten Scherz hielten, tatsächlich bestätigt.

Und nun? Man hoffte vergeblich auf ein Dementi, wollte es nicht wahrhaben. Borussia Dortmund verliert seinen Ausnahmespieler, sein „Jahrhunderttalent“ an den größten nationalen Konkurrenten. Die große Quizfrage: Warum? Warum weg vom BVB? Warum ausgerechnet nach München? Der zunächst einzig erkennbare Grund war…Kohle! Auch Götze konnte den großen Scheinen der Bayern nicht widerstehen. Man muss betonen, dass Götze mit seinem Gehalt im Pott in zehn Jahren bestimmt nicht auf der Straße gelandet wäre. Jürgen Klopp zeigte sogar Verständnis für Götze, da er in München die einmalige Möglichkeit bekomme, mit Guardiola zu arbeiten. Inwiefern man diesem Argument Glauben schenken darf, sei mal dahingestellt. Schließlich hat Borussia Dortmund mit Jürgen Klopp einen der erfolgreichsten Trainer der letzten Jahre. Naja, Götze ist nicht der Erste und wohl auch nicht der Letzte, der Borussia Dortmund nach einer sehr erfolgreichen Zeit verlässt. Nuri Sahin und Shinji Kagawa folgten dem sicherlich reizvollen Ruf internationaler Top-Klubs, wofür so mancher Fan Verständnis aufbringt. Zweifellos gehört Bayern München ebenfalls zur Spitzengruppe Europas. Doch Borussia Dortmund hat es geschafft, dem millionenschweren Team von der Isar jahrelang Paroli zu bieten. Wieso nun also dieser Schritt?

Mario Götze verlässt ein intaktes, erfolgreiches Team mit vielen Freunden, fanatischen Fans und internationaler Anerkennung. Niemand hätte sich beschwert, wenn er nach Barcelona oder Manchester gegangen wäre. Dieser Transfer schmerzt deshalb so, weil ihn in der Form niemand erwartet hat. Erst kürzlich wurde Götzes Vertrag verlängert, von einer Ausstiegsklausel war nichts bekannt. Er schmerzt deshalb so, weil jeder Fan sich denken kann, wie sich die Bosse an der Säbener Straße vor Freunde in die Hand beißen. Bayern hat einmal mehr einen Konkurrenten geschwächt. Mit Erfolg! Daraus resultierend stehen die Anhänger des BVB vor unvollendeten Tatsachen. Der Zeitpunkt grenzt an eine Unverschämtheit, einen Tag vor dem größten Spiel der letzten 16 Jahre. Götze hätte es genauso gut morgen im Mittelkreis kurz vor Anpfiff verkünden können. Als Fan dieser Truppe fühlt man sich einmal mehr in den Allerwertesten getreten, ja im Stich gelassen. Da kommt die erfreuliche Meldung Carsten Cramers gerade recht, der stolz verkündet, dass das Trikot in der kommenden Saison ebenfalls „nur“ 74,95€ kosten wird. Herzlichen Dank für diesen Akt! Ein wahres Schnäppchen für jeden Normalverdiener.

All diese Aspekte lassen den Fan über die aktuelle Situation mehr denn je nachdenken. Teilweise hat man den Drang, alles hinzuschmeißen und liegen zu lassen. Jeztt kommt das große Aber: Die Liebe zu diesem Verein ist so groß, dass selbst dieser Transfer sie nicht lindern kann. Nicht Götze, nicht Cramer, nicht das DFL-Sicherheitspapier. Und genau dies scheint das Erstaunliche zu sein. Klopp und Co. erhoffen sich beim Spiel gegen Real Madrid eine Trotzreaktion der Fans. Viele werden sich denken: ‚Jetzt erst recht!‘. Und das ist auch gut so!!! Die Bedeutung des Spiels darf niemand vergessen. Götze hin oder her, die Mannschaft an sich kann da nichts zu. Die BVB-Chefetafe appelliert einmal mehr an die Unterstützung der Anhänger. Inwieweit das nur leere Worthülsen sind, steht ebenfalls zur Debatte.

Zweifellos bekommen die Fans vieles zurück, wenn man an Malaga denkt sogar mehr als ihnen lieb sein kann. Jedoch geht nach so einer Nachricht, wie an diesem tristen Dienstagmorgen, nicht nur jegliche Motivation flöten, sondern auch der  Glaube an den Fußball. Auf einem offiziellen Poster des BVB spricht man von „11 Freunden“. Dieser Wert, der den Fußball vor der Jahrtausendwende entscheidend prägte, scheint heutzutage nichts anderes zu sein als heiße Luft. Anders kann man sich diesen Transfer nicht erklären.

Je länger man über Mario Götzes Entscheidung nachdenkt, desto unverständlicher erscheint sie. Spieler kommen und gehen, das ist das Geschäft. So werden viele argumentieren. Da ist mit Sicherheit was dran. Und jetzt? Sollen alle in die Hände klatschen und den Bayern zu ihrem Coup gratulieren? Auch wenn es bei Borussia Dortmund ganz normal weitergehen wird hinterlässt dieser Wechsel tiefe Spuren bei denjenigen, die glaubten, Vereinsliebe stehe über dem Drang nach Geld. Wirklich schade!

Vielleicht hilft es trotzdem, morgen statt 100 sogar 110% zu geben. Die Chance sei viel zu groß, so Jürgen Klopp, um nicht alles für das gemeinsame Ziel Wembley zu geben. Möglich, dass der Appell in den Unmutsäußerungen der Fans untergeht. Wirklich übel nehmen kann man es ihnen ja nicht. Jeder Fan wird selbst einen eigenen Weg finden, um diesen Weggang zu verschmerzen. Doch eins dürfte spätestens jetzt jedem klar sein: Geld regiert die Welt. Und auch den Fußball!

Leo Exuzidis

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