Dem FC Bayern schon einen Schritt voraus

Ich könnte mich jetzt weit aus dem Fenster lehnen und hier schon den Bayern zurufen, dass sie schon mal so langsam ihr Fernglas rausholen sollten, aber das ist nicht meine Art. Das liegt zum einen daran, dass die Saison noch lang ist und auch der BVB noch seine Schaffenskrise bekommen wird. Zum anderen reden die „mia san mia“ Bayern schon genug Abseits des Platzes. Während die Bayern noch vom Triple träumen und reden, gurken sich die Borussen aus Dortmund und Gladbach zu 3 wichtigen Punkten. Und am nächsten Wochenende könnten diese beiden Teams die großen Gewinner sein.

In Berlin musste der BVB bekanntlich neben Götze mit Shinji Kagawa auch auf den zweiten Ballvirtuosen im Mittelfeld verzichten. Im Spiel zeigte sich schnell, dass die Herthaner gut eingestellt waren und die Borussen eben einen solchen kreativen Spieler wie Shinji sehr gut hätte gebrauchen können. Aber da er nicht einsatzfähig war, mussten andere in die Bresche springen. Hummels, der mit Abstand kompletteste Defensivspieler in der Bundesliga, hatte einen für seine Verhältnisse grauenhaften Tag, konnte dies aber mit einer fiebrigen Erkältung begründen. Auch gefielen mit Barrios, Bender und Großkreutz überhaupt nicht. Viele ungenaue Zuspiele, zu Beginn der 2. Halbzeit fahrlässiges Defensivverhalten und im Grunde bis zum Tor von Großkreutz nicht besser als die Hertha. Aber – und das unterscheidet die Borussia vom FC Bayern auch in dieser Saison – der BVB hat neben dem nötigen Quäntchen eben auch die Fähigkeit, taktisch flexibel zu reagieren. In Nürnberg z.B. waren die Gastgeber sehr gut auf den Spielaufbau der Borussia über Mats Hummels eingestellt und haben diesen entsprechend sehr gut gestört. Als taktische Reaktion gab Kagawa den Sahin und holte sich die Bälle praktisch an der Innenverteidigung ab, man spielte sozusagen das alte System. Mit dem – zugegeben notgedrungen – Wechsel von Leitner für Bender wurde dies dann umso deutlicher. Gegen die Hertha wurde in der 2. Halbzeit viel mit langen, sinnlosen Bällen in Richtung Barrios operiert, der gegen Hubnik kein Land in der Luft sehen konnte. Bezeichnend also, dass das Tor für den BVB in dem Moment fiel, wo Barrios den Zehner gab, Lewandowski vorne auftauchte und – ganz entscheidend – das Spiel über die rechte Seite aufgezogen wurde. Diese war schon in Halbzeit 1 ab und an wackelig.

Die Bayern hingegen verlieren mehr und mehr den Anschluss. Mich erinnert das irgendwie sehr an Nationalmannschaften wie Argentinien oder Brasilien. Diese haben wie die Bayern im Grunde immer das beste Personal, wenn man den Ruf jedes einzelnen Spielers zu Grunde legt. Aber große Namen alleine bringen dich nicht weiter. Die „Albiceleste“ hatte sicher von den einzelnen Spieler her eine besser Mannschaft, als z.B. die Truppe von Jogi Löw. Messi, Higuain, Mascherano, Tevez, Aguero oder Milito sind alle für sich genommen hervorragende Fußballer. Aber bei der WM 2010 wurden sie von einer taktisch überlegenden DFB-Elf in Grund und Boden gespielt. Deutschland besitzt eine taktische Grundausrichtung, kann aber jeder Zeit flexibel reagieren. Das konnten die Argentinier nicht. Bei den Bayern ist es ähnlich. 2007/2008 scheiterte mit Klinsmann in München im Grunde der einzige Trainer, der die Bayern verändern wollte. Die Reaktion darauf war die Rückkehr zu einem steifen taktischen Korsett unter Louis van Gaal und Heynckes macht es im Grunde nicht anders. Auf und neben dem Platz ist der FC Bayern aus der Ferne betrachtet so beweglich wie die Kirche beim Zölibat. Vielleicht fehlt den Bayern auch einfach mal den Schuss vor dem Bug, um sich aus der Starre zu lösen. Aber man wird wohl eher den Kader für 50-70 Millionen aufmöblieren. Das geht dann 1-2 Jahre gut, dann entwickeln die Gegner eine Taktik um das Bayernspiel zu zerstören und man befindet sich wieder am Anfang.

In Dortmund hingegen hat man mit Glück und viel Verstand ein Team aufgebaut, welches zu den wohl besten Teams zählt, die der BVB jemals in seiner über 100-jährigen Geschichte zu bieten hatte. An Spielern wie Großkreutz, Hummels, Bender oder Schmelzer kann man erkennen, wie wichtig ein taktisches Korsett ist. Das haben sie mit Messi gemeinsam. Oder mit Cristiano Ronaldo & Wayne Rooney. All diese Spieler zeigen in ihren Klubs deutlich bessere Leistungen, einfach weil das taktische Konzept besser funktioniert als das der Nationalmannschaft. Jürgen Klopp hat dem BVB im Grunde neu erfunden. Er sucht Spieler, die vielleicht nicht den besten Ruf haben, jedoch seinen Vorstellungen von Fußball entsprechen. Bestes Beispiel ist meiner Meinung nach Lukasz Piszczek. Als er ablösefrei vom damaligen Absteiger aus Berlin nach Dortmund wechselte, gab es nicht wenige Fans, die den Wechsel nicht verstanden haben. Oder der Wechsel von Petric im Tausch mit Zidan und ein paar Euros. Mit eben jenen Euros wurde ein gewisser Neven Subotic von Mainz 05 verpflichtet. Dieser schlug ein wie eine Bombe und seit dem dürfte Klopp wohl jeden Spieler bekommen, den er haben möchte (sofern finanziell realisierbar). Glück und viel Sachverstand eben.

Nun will ich in München niemandem den fußballerischen Sachverstand absprechen. Dennoch ist der FC Bayern im Grunde an dem Punkt angekommen, an dem der BVB 2008 nach Doll war. Oder die deutsche Nationalmannschaft nach der Euro 2004. Natürlich braucht es seine Zeit und auch Glück, bis die Maßnahmen greifen. Die Bayern sind nicht so schlecht wie der BVB 2008 oder die DFB-Elf 2004 und auf Grund ihres Anspruchs haben sie vielleicht auch nicht die Geduld, ein Team 1-2 Jahre auszubauen. Aber irgendwann werden sie es machen müssen, wenn sie vor allem international öfter mit den großen Teams mitspielen wollen. Milan, Barca, Real Madrid, Manchester United – alle Mannschaften, mit denen sich die Bayern gerne vergleichen haben ihre Zeit gebraucht und zu dem Team zu werden, welches sie verkörpern – inklusive Ausschläge nach oben und unten.

Aktuell kann es für den BVB hingegen kaum besser laufen. Man gewinnt seine Spiele während die Bayern so langsam die Nerven verlieren. Nach dem schlechten Rasen und den noch schlechteren Schiedsrichtern für die schlechten Ergebnisse verantwortlich zu machen versuchen die Bayern immer mal wieder auch, den BVB zu attackieren. Dieser macht aber das einzige Richtige: Er lässt die Bayern machen. Am kommenden Woche – ein Heimsieg gegen Hannover 96 vorausgesetzt – könnte eine nicht unwichtige Rolle für den weiteren Saisonverlauf spielen. Gewinnen Gladbach und Dortmund ihre Heimspiele und der FC Bayern schafft nicht mehr als ein Remis gegen die Blauen, dürfte die Luft für Heynckes in München dünner werden.

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