„Das Profil des durchschnittlichen englischen Fußballfans wandelte sich über Nacht.“

Im Zuge der immer noch geführten Diskussion um ein Verbot von Stehplätzen in den Stadien der deutschen Profifußballklubs habe ich mich gefragt, wie es damals in England eigentlich abgelaufen ist, als die britische Regierung beschloss, die Stehplätze in England zu verbieten. Dank eines Mittelsmann (Danke Thomas 🙂 ) habe ich ein paar Fragen an Phil Woodhouse richten können. Phil ist Fan des englischen Traditionsverein Leeds United und hat die Veränderungen damals „am eigenen Leib“ erfahren. Zudem besucht Phil seit Jahren immer mal wieder Spiele unseres heißgeliebten Ballspielverein Borussia 1909 e.V. Dortmund.

 

Hallo Phil, vergangene Woche hatten wir eine große Konferenz mit dem deutschen Innenministerium und den Vertretern der deutschen Profiklubs zum Umgang mit der steigenden Gewalt im Rahmen von Fußballspielen. Obwohl aktuell die Stehplatztribüne nicht geschlossen werden, erinnert das Vorgehen etwas an den Taylor-Report in England. Wie kam es damals aus deiner Sicht zum Verbot der Stehplätze in England?

Im Taylor-Report, welcher in Nachgang der Hillsborough-Katastrophe entstand*,  wurden Stehbereiche in einem Stadion nicht generell als ein Sicherheitsrisiko eingestuft, aber das Fans Tickets in Bereichen haben, wo sie nicht kontrolliert werden konnten (bei Sitzplätzen gibt es ja die Sitznummern), empfand man als potenzielle Gefahr.  Die britische Regierung war es schlussendlich, die für die Division 1 und Division 2 (nun Premier League und Championchip) sowie für die schottische Premier League beschloss, dass alle Stadien nur noch Sitzplätze haben dürfen. Mit Lippenbekenntnissen und sympolischen Gesten versuchten die Klubs, dieses Vorhaben zu vermeiden. Aber die meisten Clubs liebten die Idee, weil es bedeutete, dass sie höhere Preise für Eintrittskarten berechnen konnten. All dies geschah mit der Gründung der Premier League, so dass die Vereine die Umbauten leisten konnten.

Wie waren die Reaktionen in England, nachdem die Pläne bekannt wurden? Gab es Protest der Fans gegen dieses Vorhaben? Oder akzeptierte man die Veränderung unter dem Eindruck der Katastrophen von Hillsborough und Heysel?

Nach Heysel und Bradford City im Jahre 1985 schlug der „Popplewell Report“ die Einführung von ID-Cards für Fußballfans vor, was zu starken Protesten der Fans führte. Die Fanzinekultur der 1980er Jahre (Anm. des Bloggers: Vergleichbar mit Schwatzgelb.de, jedoch in Printform) stellte sicher, dass das Vorhaben nicht umgesetzt wurde. Luton Town führte eine eigenes ID-Card System ein und sperrte Auswärtsfans. Es gelang mir, ein Mitglied zu werden und als Leeds dort spielte, gab es etwa 500 Leeds-Fans, die es geschafft hatten, Tickets zu bekommen. Die Regelung wurde kurz danach verschrottet.

Gegen das Stehplatzverbot gab es jedoch nie wirklich Proteste, da alle emotional von der Hillsborough-Katastrophe betroffen waren und sich mit dem Verbot arrangierten. Erst in den letzten 10 Jahren gab es einige Versuche von Fans, sicheres Stehen in den Stadien wieder zu erlauben. Vorallem in Liverpool sind viele mit sehr viel Inbrust dabei, aber die Vereine befürchten, dass sie die Ticketpreise senken müssten, so dass sie sich dagegen aussprechen.

Die englischen Fußballfans haben sich sehr verändert ím Vergleich zu den 80er Jahren. Es gibt weit mehr Familien und Frauen in den Stadien und kaum noch Rassismus. Und die Hooligans wurden mit Hilfe der hohen Eintrittspreise einfach aussortiert.

Du bist ein großer Fan der Bundesliga. Was hälst von den Neuerung, z.b. über ein mögliches Stadionverbot über 10 Jahre, höhere Geldstrafen für Fehlverhalten (z.B. Pyrotechnik) oder den Diskussionen über ein Verbot von Stehplätzen?

Es ist Schwachsinn, ein Verbot für 3, 5 oder 10 Jahre stoppt niemand, der Ärger sucht, auch keine Geldstrafen.
Ich war mir nicht bewusst, dass man in Deutschland über ein Stehplatzverbot nachdenkt. In England verweisen die Leute immer auf Deutschland und ihre Stehplätze sowie ihre Art, zwischen Steh- und Sitzplätzen hin und her zu wechseln. (Anm. des Bloggers: Bei Liga- und Europacupspielen) Natürlich wird in vielen Stadien in England, gerade im Gästebereich, immer noch gestanden.

Am Abschluss: Kannst du beschreiben, wie sich die erste Zeit nach dem Taylor-Report anfühlten?

Die Fans akzeptierten die Sitzplatzstadien, da sich zunächst die Preise kaum veränderten. Es kamen mehr Familien in die Stadien und „Familienblöcke“ waren an der Tagesordnung. Das Profil des durchschnittlichen englischen Fußballfans wandelte sich über Nacht.

Thank to Phil. And all the Best to Leeds.

* Phil hat in seiner Antwort seine eigene Sicht zum Auslöser der Katastrophe geäußert. Da ich dies nicht verifizieren kann, habe ich diese nicht übersetzt. Im Original könnt ihr sie jedoch lesen.)
(Die Antworten von Phil erfolgten selbstredend in englischen Sprache. Ich habe versucht, dass nach bestem Wissen und Gewissen zu übersetzen. Zum besseren Nachvollzug habe ich am Ende noch einmal die Antworten von Phil im Original hochgeladen. Sollte es zu gravierenden Fehlern in der Übersetzung gegekommen sein, so bitte ich um Kontaktaufnahme. Danke)

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