Damals in Bielefeld…

… war ich das letzte Mal nach einem Fußballspiel völlig sprachlos. Damals – an diesem verregneten 30. März 2007 – war ich mir sicher, dass der Ballspielverein dem Henkersknoten nicht mehr entkommen konnte. Fast 2 Jahre zuvor stand er schon einmal auf der Falltür, aber dank der Herren Rauball, Watzke und Gott (nein, nicht Jürgen Klopp) zog keiner am Hebel und die Tür blieb zu. Was die Anleger damals nicht zu vollenden vermochten, versuchte nun ein gewisser Thomas Doll. Jeder der mich kennt weiß, dass Thomas Doll für mich eine „Persona non grata“ ist, Derbysieg 2007 hin und Pokalfinale 2008 her. Diese wurden nicht „wegen“ sondern „trotz“ Thomas Doll erreicht. Damals, beim Pokalfinale in Berlin machte auf Grund einer Meldung von N24 das Gerücht die Runde, dass Jürgen Klopp ab 01.07.2008 Trainer in Dortmund werden sollte. Ich erinnere mich noch, dass ich mit den Jungs aus dem Münsterland noch drüber diskutiert habe und der Meinung war, dass Klopp kein schlechter Trainer ist und war grundsätzlich nicht negativ eingestellt. Das Klopp so ein Glückgriff werden würde, konnte damals kaum einer ahnen.

Seit Juli 2008 regiert Klopp also in Dortmund. Er spricht bei seiner Vorstellung von Vollgasveranstaltungen, die er im WESTFALENSTADION zeigen will. Ich gebe darauf nicht viel, ich habe genug von dem Gelabere von Spielern, Trainern und Funktionären. Ich will Taten sehen. Und Klopp handelt. Er kauft mit Subotic einen unbekannten Innenverteidiger für 4,5 Millionen. Damals eine Wahnsinnssumme und es gab nicht wenig Fans, die den Transfer hinterfragten. Aber Subotic schlug ein wie eine Bombe. Subotic war nicht nur für die Innenverteidigung ein klasse Griff, er war auch der „Dosenöffner“ für Jürgen Klopp. Ich glaube, wenn dieser Transfer gescheitert wäre, hätte es Jürgen Klopp schwerer gehabt bei Zorc und Watzke. Aber Subotic war ein Volltreffer. Seit diesem Zeitpunkt  – da bin ich mir sicher – bekommt Klopp jeden Transferwunsch von Zorc/Watzke genehmigt, sofern dieser nicht das vereinbarte Transferbudget übersteigt.

Es wäre müßig, nun jeden Transfer und jede persönliche Entwicklung der Spieler hier zu nennen, daher beschränke ich mich einfach auf DAS Prunkstück der Borussia: Das Defensivverhalten. Unter Taktikfuchs Doll kassierte der BVB in 43 Ligaspielen 68 Gegentore. Seit Jürgen Klopp den  BVB übernommen hat, kassierte der BVB 98 Tore – in 100 Spielen. Einleuchtend, dass man unter Jürgen Klopp viel weniger Niederlagen kassierte als unter Thomas Doll (18 von 100 gegenüber 17 von 43 Spielen). Es gibt so viele Sachen, die sich unter Klopp geändert haben: Das Spiel nach vorne und nach hinten, die Außendarstellung der Spieler, der Verantwortlichen, einfach Aller. Unter Doll habe ich die Interviews gehasst. Sie waren voller leerer Worthülsen, Watzke äußerte sich zum Sportlichen, verlängerte sowohl mit Bert van Marwijk als auch mit Doll den Vertrag unnötigerweise um je ein Jahr. Dortmund war ein gefundenes Fressen für den BVB. Seit dem Klopp da ist, herrscht fast schon langweilige Ruhe. Aber es ist gut, nicht jeden Morgen irgendein scheiß Interview von irgendjemandem zu lesen. Aber genug der Huldigung des Jürgen Klopp.

Im Vorfeld des Nürnbergspiels war ich schon irgendwie nervös, je näher das Spiel jedoch kam, umso ruhiger wurde ich. Ich war am Samstagmorgen überzeugt davon, dass der BVB einen großen Schritt machen würde. Das es der entscheidende Schritt werden sollte, hielt ich jedoch für weniger realisierbar. Zu stark schätzte ich die Mannschaft aus dem Kölner Vorort Leverkusen ein. Dann begann das Spiel.

Ich würde beide Mannschaften in den Anfangsminuten als ebenbürtig bezeichnen, es war das klassische 0-0 Spiel. Aber dann kam der Nürnberger Albtraum – Lucas Barrios. Dieser machte am Samstag sein 3. Spiel gegen Nürnberg und traf zum 5. Mal gegen die Franken. Zum 5. Mal gegen Raphael Schäfer. Die mögen sich also nicht erst seit dem „Zusammenprall“ am Samstag. Nach der Führung war es ein Selbstläufer, zumal als Lewandowski erhöhte mit einem tollen Heber. Nürnberg hatte dem designierten deutschen Meister nichts Entscheidendes entgegenzusetzen und so war es in der 2. Halbzeit nicht mehr als lauer Sommerfußball. Im Grund war das eigene Spiel für alle im Stadion auch nur noch nebensächlich. Alle lauschten nach Köln.

Jeder Fan, der schon mal in einer Situation war, dass sein Verein in einer Situation ist, wo er auf einen anderen Verein „angewiesen“ ist, kennt diese Szenen: Irgendjemand in einer Gruppe brüllt, dass ein positives Tor gefallen ist („Oma hat es mir gesimst“) und eine kleine Gruppe jubelt. Und daran erkennt das geschulte Auge, wer schon länger zum Fußball fährt und wer nicht. Der unerfahrene Fan jubelt mit und ist dann tief enttäuscht, auf die Ente reingefallen zu sein. Der erfahrene Fan weiß dagegen, wie der Hase läuft. Er hat sich schon vorher nach jemandem umgeschaut, der ein „Knopf im Ohr“ hat. Und er weiß: Wenn wirklich ein wichtiges Tor fällt, dann jubelt keine kleine Gruppe. Dann jubeln überall Leute in allen Ecken des Stadions.

httpv://www.youtube.com/watch?v=F0hYdOGNGOI

Eben genau diese Arte des Jubels gab es dann in der 67. Minute, als die Kölner zum 1-0 einnetzen. Das Stadion explodiert, es gibt Bierduschen en masse, von denen der Schreiberling zum Großteil verschont blieb, weil sich seine bessere Hälfte todesmutig in die Flugrichtung des Kaltgetränkes gestellt hatte. Aber er merkt eh erst später wirklich was von, weil er mit dem Bekanntwerden des Kölner Tores in Tränen ausbricht. Als die Rheinländer dann das 2-0 Tor machen, laufen mir die Tränen in großen Massen die Wangen herunter. Ich denke an all die Freuden und als das Leid, die dieser Verein mir bereitet hat: An Bielefeld 2007, an Molsiris 2005, die Derbyniederlagen und die wenigen Siege gegen den Erzrivalen. All die Schmähungen anderer Fans, vor allem der Blauen – sind sie in diese Moment irgendwie „gesühnt“. Dann schau ich nach links und seine meine Freundin. Sie in diesem Moment bei mir zu haben ist mit Geld nicht zu bezahlen.

Der Rest des Spiels geht irgendwie an mir vorbei, ich genieße die Atmosphäre. Dann, gegen 17:17 Uhr, ist es amtlich: Deutscher Meister 2011 ist der Ballspielverein Borussia 09 e. V. Dortmund. Aber ich begreife das noch nicht. Ich genieße es eher im Stillen, während andere völlig ausflippen. Ich kann das alles nicht begreifen, 1492 Tage nach Bielefeld. 1492 Tage nach Kampers Schuss ins lange Eck. 1492 Tage nach einer Rückfahrt, auf der nicht ein Wort gesprochen wurde.

Später, nach dem die ersten Feierlichkeiten auf dem Rasen abnehmen, verlasse ich mit meiner Freundin die Südostecke. Unter an der Osttribüne angekommen, begegnet mir ein Herr Mitte 40. Es ist Thomas Doll…

 

PS: Doll war wohl als „Experte“ für „LigaTotal“ in Dortmund. Sachen gibts….

14 Antworten auf „Damals in Bielefeld…“

  1. Bezichtige mich nie mehr des Plagiats, wenn du mir doch dauernt meine geheimsten Aufhänger vorveröffentlichst 😉

    Und dem Doll hast du hoffentlich artig zu seinem Anteil an dieser, unserer Meisterschaft gratuliert? Schließlich hat er damals… Hm… Petric seine Frau ausgespannt zB

          1. Die Meisterschaft hat natürlich 2 Gründe: 1. die überragende Saison des BVB und 2. die Schwäche des FC Bayern. Zu glauben, dass wir nun immer oben mitspielen halte ich für vermessen.

            Aber man merkt einfach, dass Klopp ein nachhaltiges Konzept hat.

  2. Ach, schön wenn die Erinnerungen an Samstag wieder hoch kommen 🙂

    Allerdings habe ich mich Samstag schon gefragt, wo Shinji eigentlich war? Ich habe den weder in der TV-Berichterstattung gesehen noch auf den schwatzgelb-Videos.

    Hat ihn vll jemand zu Gesicht bekommen bzw weiß jemand, wo der war?

    schwarz-gelbe Grüße

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