Blogschau: Wie sehen andere den Boykottaufruf? – Teil 2

Am 2. Teil der Blogschau beantwortet dankenswerterweise Christoph Anheuser aka RealityCheck meine Fragen zum Boykottaufruf. Christoph betreibt den Sportmedienblog und ist Fan des FC Bayern München.

1.       Was denkt/denke ihr/Sie generell über die Aktion?

Grundsätzlich ist ein Derby natürlich wie geschaffen, um für eine solche Thematik die höchstmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Wenn die Fans auf den Besuch gerade dieses enorm wichtigen Spiels verzichten, „muss wohl was im Argen sein“.

Dummerweise – das sieht man nun ja leider – wird diese Geschichte von manchen als „Dortmund gegen Schalke“-Story missbraucht/missverstanden. Aber es ist schwer, wie man den Protest hätte anders ausdrücken sollen; ob etwa bei einem Heimspiel statt gerade bei diesem Spiel.

Die Erfolgschancen solcher Aktionen sind natürlich immer begrenzt. Zudem läuft man bei solchen Themen Gefahr auf wunde Punkte bei den Vereinsoberen zu stoßen – die immer wieder vor den italienischen Ultraszenen warnen, die bekanntlich nicht mehr unter Kontrolle zu halten sind und u.a. kostenlose Tickets „erpressen“. Diese Konnotationen kommen einem bei dieser Aktion zwangsläufig ins Gedächtnis, auch wenn man natürlich die Dortmunder Fanszene mit sowas nicht in einen Topf werfen will.

Aber es kann da sein, dass mancher Klub auf Stur schalten, gerade weil sie dieses „Wehret den Anfängen“-Mantra vor sich tragen.

2.       Wie beurteilen/beurteilt Sie/ihr die Preisentwicklung in fremden Stadien?

Wir leben meiner Meinung nach in Deutschland auf einer Insel der Glückseeligen. Man kommt für zehn Euro zu ’nem Bayern-Topspiel. Inzwischen ist mancherorts ein Kinobesuch teurer als ein Bundesliga-Besuch.

Da muss die Frage erlaubt sein: Ist angesichts des Grundprinzips Angebot/Nachfrage bei dem begrenzten Angebot an Bundesliga-Tickets es absolut unvertretbar, wenn die Bundesligisten ihrer Popularität Rechnung tragen und die Preise erhöhen?

Die niedrigen Ticketpreise können ein Instrument der Verwurzelung der Vereine in der Gesellschaft sein. Stehplatz für ’nen Zehner sorgt dafür, dass Bundesliga keine Eliteveranstaltung wird. Nicht im Stadion, auch sonst nicht. Insofern ist das vergleichbar mit dem Sportschau-Privileg. Jedoch ist das auch eine Art Gießkannenprinzip, weil auch Leute von den künstlich niedrigen Preisen profitieren, die es nicht nötig hätten. In keinem anderen Land Europas gibt’s so früh Bilder im Free TV und dann leisten wir uns auch noch die niedrigstens Ticketpreise.  Ist das ein Versuch, höhere Ticketpreise durchzusetzen, zuerst bei den Fangruppen, die sich am wenigsten wehren können – den Auswärtsfans? Ich denke schon. Ist es gänzlich unerhöhrt, dass die Bundesligisten daran denken, die Ticketpreise zu erhöhen? Ich denke nicht. Alles wird teuerer. Also auch Bundesliga-Tickets. Warum so deutlich teuerer? Wie gesagt, Angebot und Nachfrage.

Ich verstehe es, dass es Leute gibt, die sich viel teurere Tickets nicht leisten könnten. Aber wie so oft betrachtet man da nur eine gewisse Gruppe.

Es ist ein heikles Thema, aber ich sehe das wohl im Endeffekt doch so: Es ist Bundesliga, nicht Kreisliga. Das darf auch was kosten. Auch auf den Stehplätzen.

Im Endeffekt ist es vielleicht auch ein wenig „Stellvertreter-Konflikt“. Es geht gar nicht um die paar Euro. Es geht um Einfluss, Macht, Respekt. Was bedeuten die Fans in den Kurven den Vereinen noch? Wer hat das Sagen im Umfeld? Was ist mit Fanorganisation in Deutschland zu erreichen?

3.       Sind hohe Preise wie z.B. in Hamburg oder bei einem Derby mit der Attraktivität der Stadt oder des Spiel zu rechtfertigen??

Ganz pragmatisch: Ja. Dafür bin ich zu sehr Marktwirtschaftler. Es gibt kein Recht darauf, dass alles immer und ewig so bleibt wie früher. Das Dach und der trockene Schopf, der Komfort, die vielen Bier- und Würstchenbuden der neuen Stadien werden gerne mitgenommen, aber kosten darf es nicht mehr, da soll es dann doch bitte weiter so sein wie 1995 im Volkspark mit Zug von hinten.

Und ein attraktiveres Spiel, das so oder so ausverkauft ist, darf auch mehr kosten. Ich weiß nicht, wann „Angebot und Nachfrage“ so dermaßen „Pfui“ in der öffentlichen Wahrnehmung geworden ist. Auch wenn es sich um des Deutschen liebstes Kind, die Bundesliga, handelt.

4.       Würden/Würdet Sie/ihr die Aktion unterstützen und beispielsweise dem Gastspiel fernbleiben (Dortmund inklusive)?

Ganz konsequent eigentlich eher nicht. Da aber Stehplatz auch ’ne Sache von Erlebnis durch das Gemeinschaftserlebnis selbst wäre, bleibt ja kaum viel anderes übrig, wenn 90% der übrigen Auswärtsfahrer vielleicht gar nicht dabei sind.

5.       Wie empfinden/empfindet Sie/ihr die Preisentwicklung bei euren Vereinen?

Thema Bayern: Stehplätze werden weiterhin für ’nen knappen Zehner verteilt. Also: Die Stehplatzfans haben demnach keinen Grund zur Klage. Ob ich diese niedrigen künstlichen Preise dann gut finde, steht auf einem anderen Blatt. Die würden auch für zwei, drei Euro mehr alle verkauft. Sitzplätze kosten richtig Asche und verkaufen sich auch wie warme Semmeln.

Danke an Christoph.

Sollte jemand Lust haben, ebenfalls an der Blogschau teilzunehmen, so kann er dies gerne tun. Bitte einfach die Antworten an webmaster[at]tinneff-blog[punkt]de senden.

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