Auf der Suche nach dem Selbstzufriedenheini und dem „Mythos St. Pauli“

Ich bin bekanntlich ein eher zurückhaltender Mensch. Gerade wenn es um die Borussia geht, bin ich eher pessimistisch als siegessicher. Dafür haben wir alle in den letzten Jahren vom BVB schmerzhafte Lektionen erteilt bekommen. Derbyniederlagen waren an der Tagesordnung, dazu gab es blamable Auftritte in UI-Cup oder in der CL-Quali gegen vermeintlich schwache Gegner. Auch die jeweiligen Starts in die Hin- und Rückrunden waren nicht immer souverän. Und der größte Feind in Dortmund war der berühmte Selbstzufriedenheini. Ein ganz fieser Zeitgenosse, der sich immer dann zeigte, wenn man gerade dachte, dass die Mannschaft eben diesen doch jetzt mal besiegen könnte. In dieser Saison ist das aber alles (fast) ganz anders.

In Burghausen wurde sich glücklicherweise nicht blamiert und souverän gewonnen. Dann wurde sich auch nicht blamiert gegen die kleinen Aserbaidschaner von FK Qarabağ Ağdam. Die Niederlage gegen Leverkusen kam, aus heutiger Sicht, genau rechtzeitig. Es war ein Schuss vor den Bug und ein Zeichen, dass der BVB immer alles geben muss, um Mannschaften vom Kaliber Leverkusen schlagen zu können. Außer sie tun es selber, wie eine Woche später gegen de Fohlen. Das Rückspiel in Baku war dann auch nicht so der Knaller, aber es wurde siegreich gestaltet. Somit waren schon mal 2 Punkte auf der „Kloppschen“ Liste „Was will ich beim BVB alles erreichen“ abzuhaken. Kein blamables Ausscheiden im Pokal und keine Blamage in der Qualifikation zur Gruppenphase des UEFACUP.

Im Spiel gegen Karpati Lviv konnten dann 2 weitere Punkte auf der Liste abgehakt werden. Zum einen hat man gezeigt, dass man auch in einem Hexenkessel gewinnen kann und man hat viel mehr gezeigt, dass der BVB mental absolut auf der Höhe ist. Wer solch ein Spiel noch gewinnt, der ist sicherlich von sehr von sich überzeugt. Und wenn man sich anschaut, wie man die Tore herausgespielt hat, dann sieht man schon, dass die Mannschaft verstanden hat, wie der Trainer spielen lassen möchte. Das natürlich nicht immer alles souverän und unspektakulär gewonnen werden kann ist nur zu verständlich. Da muss man mit solche Fehler wie beim 1-2, 2-2 und 3-2 der Heimmannschaft einfach leben. Wichtig ist halt nur, dass die Mannschaft daraus lernt und ich bin mir sicher: Das tut sie.

Und dann kam der Tag, an dem die Mannschaft den wichtigsten aller Punkte auf der Liste von Jürgen Klopp abhaken konnte: Derbysieg. Ein für mich bis zur 85. Minute nicht für möglich gehaltener Sieg. Zu oft kam die Mannschaft bei den Blauen unter die Räder, wurde vorgeführt und kassierte billigste Gegentore. Diesmal gewannen aber die Borussen. Nicht einfach so oder durch Glück. Nein, die Blauen wurden regelrecht vorgeführt. Ihr Abwehr, über Jahre ein Pfund in der Liga, wurde völlig zerbröselt. Okay, zur Verteidigung muss man sagen, dass Felix Magath diesen Umbruch einleiten musste. Ihm blieb keine andere Wahl. Sie hatten jedenfalls nicht den Hauch einer Chance und konnten froh sein, dass sie nicht in ihr völlig verderben gerannt sein. Mit  1-3 waren sie noch gut bedient. Der anschließende Empfang wurde von mir ja schon ausführlich an dieser Stelle beschrieben.

Nach diesem grandiosen Sieg wäre es nun eigentlich an der Zeit, die entsprechende Ernüchterung zu erleben. Und Kaiserslautern schien dafür eigentlich perfekt. Guter Aufsteiger, der solide in die Saison gestartet ist und keinen schlechten Fußball spielt. Das war auch in Dortmund so. Lautern spielte, unterstützt von 3.000 Fans, einen wunderbaren Ball und kreierte sich ein paar gute Chancen. Dumm war halt nur, dass die Lauterer nach dem 1-0 durch Barrios völlig zerbrachen. Großkreutz legte schnell einen nach und es ging mit 2-0 in die Pause. Nach der Pause zeigte der BVB eindrucksvoll, wie es um die Mentalität bestellt ist. Sie ist perfekt. Statt gemächlich in die 2. Halbzeit zu starten und sich erstmal anzuschauen, was der Gegner den zu bieten hätte, wurde gleich volles Rohr auf das Tor von Sippel gespielt, der dann noch 3 mal in der 2. Halbzeit hinter sich greifen musste. Ein fantastisches Spiel der Borussia. Ebenfalls richtig gut war die Stimmung auf den Rängen. Ein lauer Spätsommerabend, gemischt mit einem interessanten Spiel und einer perfekten Leistung sorgten für die beste Heimstimmung in diesem Jahr. Das Stadion tobte.

Dazu trugen auch die Gästefans bei. Zugegeben, sie waren nicht die lautesten, aber es war immer Bewegung im Block. Auch wenn ich kein Freund von „Party im Block“ bei einer 0-5 Klatsche bin, schienen mir die Lauterer das ganze doch eher locker zu sehen. Der Saisonstart war geglückt und der BVB in dieser Form ist auch kein Gegner für den FCK. Das sind dann eher Mannschaften wie Köln, Freiburg, St. Pauli, Gladbach, Frankfurt und was da noch so im unteren Tabellendrittel rumeiert. Ein dickes Lob bekommen die Lautererfans aber für ihre Schwenkfahnen. Auch wenn die Fahne des „Devil Corps“ irgendwie ein bisschen an das Logo von „Guinness“ erinnerte, so fand ich schon, dass die „Roten Teufel“ zusammen mit dem HSV optisch das beste Bild der letzten Jahre beim BVB abgeliefert haben. Sie nutzen halt die Freiheiten, die man sich hart erkämpft hat und bringen ihre Fahnen mit und verzichten auf Pyro. Somit dürfen sie dann auch beim nächsten Besuch diverse Fanutensilien mitnehmen.

Aber das nächste Spiel ist bekanntlich immer das Nächste™ und so ging es direkt weiter zum nächsten  Aufsteiger, dem FC St. Pauli. Dieser ist bekanntlich auch nicht gerade als Laufkundschaft bekannt und so war ich mir doch ziemlich sicher, dass hier der Selbstzufriedenheini zuschlagen wird und uns unsanft zu Boden bringt. Und in es roch lange danach. Der BVB ging zwar in Führung, stellte danach aber das Fußballspielen fast komplett ein und durfte sich bei Weidenfeller und Fin Bartels bedanken, dass er nicht zurücklag. Direkt im Gegenzug zeigte der BVB dann aber, was er kann. Barrios, neben Sahin in unglaublicher Form, zeigte wieder einmal, wie mannschaftsdienlich er in dieser Saison spielt. Okay, er hat halt auch Mitspieler, die das Spiel mitspielen können. Aber diese Übersicht ist schon herausragend. Ebenfalls wieder gut dabei ist auch Kevin Großkreutz. 3 Tore in 2 Spielen sind schon eine gute Quote. Zusammen mit Schmelzer machen die ganz schön Dampf auf der linken Seite. Leider war der Sieg auch schon das Beste am ganzen Tag.

Die BVB-Fans, 2500 an der Zahl, hatten definitiv nicht ihren besten Tag und somit war die Stimmung für unsere Verhältnisse richtig mies. Zwar konnte man optisch dank Schwenkfahnen ein tolles Bild abgegeben, wird aber auf Grund von pyrotechnischen Aktivitäten in den nächsten Jahren dort wohl nichts mehr dürfen. Schade. Extrem nervig sind auch die Leute, die völlig ab vom Spielgeschehen mit ihren Fahnen rumschwenken. Dann schwenkt er wie Blöde seine Fahne und bekommt gar nicht mit, dass der Gegner durch Henning gerade ausgeglichen oder man selber durch Kagawa wieder in Führung gegangen ist. Hauptsache rumhüpfen, Kopf nach unten und Fahne schwenken.

Vom „Mythos St. Pauli“ ist leider auch so gar nichts mehr übrig geblieben, wenn es ihn denn je gab. Das Stadion sieht da, wo es schon fertig ist, aus wie jeder andere 0815 Stadionbau, wo ein gewisser Bauunternehmer Hellmich am Werk ist. Ich bin ja auch immer wieder fasziniert, wenn die Presse und das TV und weiß machen will, wie kultig doch alles hier und da ist. In Dortmund wird die Südtribüne glorifiziert, die zwar imposant ist und auch sehr laut sein kann, aber sicherlich nicht das Maß aller Dinge im Weltfußball ist. Und St. Pauli, dieser am Existenzminimum lebende Verein, wo alles noch „ehrlich“ und „traditionell“ ist, der hat ist eben im Endeffekt auch nichts anderes als ein Fußballunternehmen wie der SC Freiburg, Alemannia Aachen, MSV Duisburg oder gerne auch Borussia Dortmund. Die Stadien sind gleich, das Publikum geht vom Bänker übern Lehrling bis zum Arbeitslosen und die Stimmung ist auch mit Hells Bells nicht furchteinflößender als anders wo. Wirklich löblich ist aber, und das ist ein großer Pluspunkt wie auch beim HSV: Man kann sich stressfrei bewegen. Man sollte zwar immer auf der Hut sein, weil auch in Hamburg sicherlich einige Fanutensilien den Besitzer wechseln könnten, aber es wimmelt nicht überall von Polizei und du musst nicht 20 Beamten erklären, dass du mit Auto da bist und es eben nicht da steht, wo die Busse stehen. Das war sehr angenehm. Auch parken konnte man dort ohne Probleme, wobei ich allerdings gespannt bin, wie das wohl wäre, wenn gleichzeitig der Hamburger Dom stattfindet. Dürfte dann ein übles Chaos geben vermutlich. Und ich käme mit dem Zug.

Am Donnerstag kommt dann der FC Sevilla mit neuem Trainer zum BVB und bittet zum Tänzchen auf europäischer Bühne. 3 Tage später ist das Westfalenstadion dann zum ersten Mal in dieser Saison ausverkauft, wenn der Tabellenzweite gegen den Tabellenneunten empfängt. Und diesmal sind wir nicht diejenigen, die unter Robben & Ribery zu leiden haben. Ob die Bayern am Ende wirklich so mies sind, wie man aktuell glauben soll, werden wir dann live und mit eigenen Augen erleben.

PS: Der Selbstzufriedenheini wird  seit Samstag vermisst. Sachdienliche Hinweise bitte an Soko_selbstzufriedenheit[at]tinneff-blog[punkt].de.

4 Antworten auf „Auf der Suche nach dem Selbstzufriedenheini und dem „Mythos St. Pauli““

    1. Bei mir der SelbstzufriedenHEINI. Obwohl, es kann natürlich auch ein weibliches Wesen das Grundproblem der letzten Jahre gewesen sein. Ich werd mal nachfragen, wenn Heini wieder da ist.

      Gruß
      VM

  1. Tja, wirklich schade, dass die Pyrofolkloristen unter Ihnen fürs nächste Spiel am Millerntor das bunte Bild gleich mit verdorben haben.

    Ansonsten waren Sie angenehme Gäste, mit etlichen Dortmundern nach dem Spiel noch entspannt gefeiert, so kann das eben auch sein.

    Das Stadion: interessant, der Rest des alten "kultigen" Millerntors ist dem einen Gästefan ein Dorn im Auge, weil so alt, so abgewohnt und null modern, der andere findet den Neubau grässlich. Da wir es der DFL eben auch recht machen müssen, war der Neubau zwingend erforderlich. Glauben Sie nicht, dass nicht viele den alten Zeiten nachtrauern, aber in der ersten Liga ist nicht mehr viel Platz für Sozialromantiker, weder spielerisch noch ausstattungsmässig.

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