“ Allesamt waren sie total begeistert von der Art, wie wir Fußball spielen“

Ein befreundetes Bruderpaar hat die Winterpause für einen kleinen Trip nach Italien, genauer gesagt nach Mailand und Genua, genutzt, um dort ein bisschen Fußball zu gucken. Ein kleiner Bericht, der vorab auch schon hier erschienen ist, zeichnet ein interessantes Bild über die Herzlichkeit der Einheimischen und wie der BVB im Ausland aktuell wahrgenommen wird.

Nun, während ich bislang zugegebenermaßen ein wenig Schmunzeln musste, wenn ich dieses Stichwort im Forum gelesen habe, so hat sich das seit dem vergangenen Wochenende nachhaltig geändert. Warum? Dazu möchte ich etwas weiter ausholen…

Ich habe zusammen mit meinem Bruder die bundesligafreie Zeit genutzt, um sich ein wenig in den italienischen Stadien umzusehen. Großartig geplant, haben wir das Ganze nicht. Es war eher alles ziemlich spontan. Am Samstag waren wir tagsüber in Mailand, um uns abends um 20:45 Uhr das Spiel Inter gegen Delfino Pescara anzuschauen. Etwas verplant, kamen wir aber erst um 20:30 Uhr am Stadion an. Obwohl uns klar war, dass das Spiel nicht ansatzweise ausverkauft sein kann, haben wir beim erstem Schwarzmarkthändler zugeschlagen. Nach ein wenig Gefeilsche für akzeptable 20 Euro pro Karte.

Eigentlich handelte es sich dabei um Karten für die ungefähr hinterste Reihe der Haupttribüne. Da ich gerne in die Inter-Kurve wollte, haben wir das einfach mal versucht. Gar kein Problem. Den Ordner interessierten weder unsere Karten, noch die Tatsache, dass ich zwei Tüten dabei hatte. Für ihn war lediglich interessant, ob jemand Feuer für ihn habe. Leider nicht, beide Nichtraucher.

Während des Spiels hielten wir uns etwas abseits auf. Insgesamt war es eher ein Trauerspiel, was Stimmung und Spiel betrifft. Wenn man bedenkt, dass da ein Team auf dem Platz stand, das vor gar nicht allzu langer Zeit noch das Tripple eingefahren hat, dann war das schon arg enttäuschend. Aber dennoch ist Inter mit Stramaccioni und zahlreichen verdammt jungen Spielern auf dem richtigen Weg, wie ich finde. Moratti scheint ihn – wohl auch aus der Not heraus – überraschend geduldig mitzutragen. Es könnte sich mittelfristig auszahlen. Aktuell ist die große Bühne für Inter aber ziemlich weit weg.

Hier gab zudem schon die erste Überraschung für mich/uns: Während des Spiels kamen wir mit einem sehr netten Inter-Fan ins Gespräch. Dieser war ebenfalls am gesamten europäischen Fußball interessiert und verdammt gut informiert. Irgendwann kamen wir dann auch auf den BVB zu sprechen. Ich hatte mir bislang eigentlich nicht ernsthaft Gedanken darüber gemacht, wie wir nach den letzten Jahren inzwischen in Europa gesehen werden. Als ich ihn aber über den BVB, Klopp und einzelne Spieler (Götze, Reus, Lewandowski, Hummels) schwärmen hörte, staunte ich nicht schlecht. Ich habe mir, wie gesagt, wenig Gedanken darüber gemacht, aber ich hätte nicht ansatzweise vermutet, dass der BVB von einem Fan eines europäischen Top-Klubs Klubs derart wahrgenommen werden könnte. Das war schon ein richtig tolles Gefühl. Inter gewann das arg langweilige Spiel am Ende übrigens mit 2:0.

Am nächsten Tag ging es nach Genua. Abends stand die Partie Sampdoria Genau gegen den AC Milan auf dem Programm. Der gesamte Aufenthalt, vor allem aber der Abend selbst, sollten es in sich haben. Abgesehen davon, dass die Stadt extrem viel zu bieten hat, die Leute überaus freundlich waren und die Preise sehr günstig, nahm der Aufenthalt kurz vor dem Spiel eine Wende, die ihn unvergesslich macht. Auch in Genau waren wir, die Kartensituation nicht besonders gut überblickend, angereist. Zunächst sahen wir uns einige Zeit in der Stadt um. Gegen 18 Uhr trafen wir einige ältere Herren, die als Sampdoria-Fans erkennbar waren. Diese sprachen wir auf Tickets an. Man sagte uns, dass es einen großen Fan-Shop in der Stadt gäbe. Dort verkaufe man auch Tickets. Sie wüssten jedoch nicht genau, ob dieser Shop jetzt noch geöffnet habe. Sonst sollten wir es eben an der Abendkasse probieren. Wir nahmen einfach mal an, dass der Shop bestimmt nicht mehr offen habe, wenn diesbezüglich schon Zweifel geäußert würden und beschlossen daher, erst mal in aller Ruhe essen zu gehen.

Gegen 20 Uhr waren wir am Stadion. Im Bus dorthin erklärte uns der nächste äußerst freundliche Sampdoria-Fan, wo es seiner Meinung nach Tageskarten gäbe. Dort angekommen, schoss mein Puls direkt in die Höhe, weil sich das Gebäude direkt gegenüber vom Stadion befand und dieses bereits von außen einen extrem geilen Eindruck machte. Allerdings gab es am Schalter angekommen erst mal eine herbe Enttäuschung. Tageskarten hätten wir tatsächlich nur in dem besagten Shop bekommen. Am Stadion gäbe es in Genua am Spieltag selbst, auch wenn das Spiel nicht ausverkauft sei, grundsätzlich keine Karten mehr. An dem Schalter konnten letztlich nur hinterlegte Karten abgeholt werden. Da sahen wir unseren Traum von Genua schon davonschwimmen.

Zu unserem großen Glück hatte ich aber einen BVB-Schal um den Hals. Jemand in diesem Kartenhäuschen erkannte ihn als solchen, kam nach draußen gestürmt und war 1. ganz begeistert über die Tatsache, dass wir extra für ein Sampdoria-Spiel angereist waren und B. schwärmte er ebenfalls übelst über den BVB. Er sagte uns, dass wir uns keine Sorgen machen sollten, denn er würde uns helfen, ins Stadion zu gelangen. Wir müssten lediglich bis kurz vor dem Anpfiff warten. So ganz traute ich dem Braten zunächst nicht und es blieb eine ordentliche Portion Nervosität nicht in dieses geile Stadion zu kommen, aber kurz vor dem Spiel kam er tatsächlich mit zwei Karten zu uns. Als ihn ihn fragte, was wir ihm schuldig seien – und ich hatte durchaus einen gewissen Preis für die Karten in Genua veranschlagt – sagte er nur, dass die Karten natürlich kostenlos seien, er uns viel Spaß wünsche und dem BVB viel Erfolg in der CL. Wir hatten also nicht nur ein unverschämtes Glück, noch an Karten zu kommen, sondern mussten dafür nicht einen Cent zahlen!

Wir machten uns dann zügig auf den Weg zu unseren Plätzen. Diese lagen auf der Gegengerade etwa in Höhe der Mittellinie und waren ganz nah am Spielfeld. Einige werden das Stadion schon kennen. Ich war zum ersten Mal dort und richtig Hin und Weg. Ein kleines, enges Stadion englischer Art. Irgendwie erinnerte es durchaus an das alte Westfalenstadion. Die Plätze waren jedenfalls richtig, richtig geil und wir verdammt nah am Spielfeld. Auch die Stimmung fand ich sehr ansprechend. Es wurde über 90 Minuten durchgehend gesungen, es war abwechslungsreich und phasenweise durchaus auch sehr laut. Hat auf jeden Fall richtig Laune gemacht.

Auch auf der Tribüne sprachen uns wiederum einige Sampdoria-Fans auf den BVB an. Allesamt waren sie total begeistert von der Art, wie wir Fußball spielen und in jedem Gespräch fielen zumindest die Namen Klopp, Reus, Götze, Hummels und Lewandowski. Ich war also nicht nur sprachlos, wie freundlich wir aufgenommen worden sind, sondern vor allem darüber, wie dezidiert die Leute über den BVB Bescheid wussten und was für einen gewaltigen Eindruck die Mannschaft in den letzten Jahren weit über die Grenzen hinterlassen hat. Darauf bin ich echt mal so gar nicht klar gekommen!

Sehr amüsant war auch die Tatsache, dass uns jeder an die Duelle zwischen Sampdoria und dem BVB erinnerte. Natürlich wies man stolz darauf hin, dass Sampdoria den BVB besiegt hatte. Noch amüsanter war aber, dass jeder der anwesenden behauptete, dass er damals in Dortmund dabei gewesen sei. Evtl. mag es tatsächlich so gewesen sein, dass aber 10 von 10 Gesprächspartnern in allen Altersklassen allesamt dabei gewesen sein wollen, finde ich schon sehr lustig. Ein umkämpfter Kick endete schließlich mit 0:0. Sampdoria wurde mit Beifall verabschiedet, weil man sich gegen ein spielerisch überlegenes Milan so achtbar aus der Affäre gezogen hat. Der Prince zeigte sich dabei zwar sehr ballsicher, gab aber auch mehr so den Stehgeiger.

Nach dem Spiel kehrten wir noch in eine Kneipe neben diesem so herrlich in einem Wohngebiet gelegenen Stadion ein. Die Männer hinter der Theke gaben dort immer wieder den Vorsänger. Wir haben den gelungenen Abend mit so einigen Bieren begossen, es wurde weiter gefachsimpelt, wobei auch hier natürlich der BVB ein Thema war. Mein Schal war den Abend über nicht mehr zu halten. Nun besitze ich eben auch einen Sampdoria-Schal. Den Weg ins Hotel kann ich allerdings nicht mehr allzu detailliert schildern…

Es sei mir verziehen, wenn der Bericht etwas ausführlich geraten ist, aber das musste ich angesichts des Stellenwertes, den das Stichwort Genua in diesem Forum besitzt, einfach loswerden. Genua wird bei mir nun mitnichten ein Schmunzeln auslösen – vielmehr die Erinnerung an einen großen Abend, die Hoffnung auf viele weitere Jahre, in denen man mit dem BVB Europa erkunden kann und natürlich auch Erkenntnis, dass Rolf es schon immer wusste. Genua.

Sebi

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